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Aktuelle Fragen zur Masernimpfung in der Deutschsprachigen Gemeinschaft


Antwort von Minister Antonios Antoniadis

Es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrter Herr Präsident,
werte Kolleginnen und Kollegen,

bei der Meldung ansteckender Krankheiten gibt es in der DG eine klare Vorgehensweise, die im Rahmen eines Abkommens mit der FG vereinbart wurde.

Schritt 1
Der behandelnde Arzt meldet die Erkrankung dem zuständigen Dienst für meldepflichtige Krankheiten.

Schritt 2
Die Hygieneinspektion schätzt ein, ob die Erkrankung einen epidemischen Charakter hat und legt die zu ergreifenden Maßnahmen für das unmittelbare Umfeld fest.
Außerdem werden der zuständige Minister und der Fachbereich Gesundheit des Ministeriums informiert. Die Deutschsprachige Gemeinschaft prüft ihrerseits, ob die betroffenen Dienste und Einrichtungen wie Schulen, das RZKB (Kinderkrippe, Tagesmütterdienst, Außerschulische Betreuung) usw. benachrichtigt und ob alle Folgemaßnahmen durchgeführt wurden.

Zu den gemeldeten Infektionen: Laut Angaben der Hygieneinspektion wurde in den Jahren 2013 und 2014 in der DG kein Masernfall gemeldet. Und nach meinen derzeitigen Informationen ist auch in diesem Jahr noch kein Masernfall bei uns bekannt.

Das wirkt zunächst beruhigend. Allerdings ist die Situation im Rest Belgiens eine andere. Seit dem 1. Januar 2015 wurden bereits 95 neue Masernfälle gemeldet. Zum Vergleich: Im Jahr 2010 wurden insgesamt 40 Fälle gemeldet. Das ist ein drastischer Anstieg.

Laut Angaben des Gesundheitsamtes der StädteRegion Aachen gibt es bisher 3 bestätigte Maserninfektionen im Raum Aachen. Bei einem Fall handelt es sich um eine Person, die sich bei einem Aufenthalt in Berlin infiziert hat.

Es gibt keine Garantie dafür, dass es auch in Zukunft keine Maserninfektion in Ostbelgien geben wird. Die Masern werden durch die Luftwege übertragen. Bei einem Kontakt mit Masern werden mehr als 9 von 10 Personen angesteckt.

Der Begriff Kinderkrankheit klingt irgendwie niedlich. Doch Masern sind alles andere als harmlos. Zwar überstehen die meisten die Masern unbeschadet, gravierende Komplikationen wie Hirnhaut-, Mittelohr- oder Lungenentzündung treten in 20 bis 30% der Fälle auf. In 1 von 1.000 Fällen droht sogar der Tod. Dass es Sterbefälle geben kann, beweist der Tod eines Babys in Berlin, das nicht geimpft war.

In Entwicklungsländern, dort wo die Impfquote deutlich niedrig ist, sterben schätzungsweise 300 Kinder pro Tag an Masern.

Für Erwachsene können die Masern ebenfalls gefährlich sein. Auch wenn immer mehr Nichtgeimpfte der Maserninfektion während ihrer Kindheit entkommen, so ist das Risiko groß als Erwachsener mit dem Virus angesteckt zu werden.

Bei Masern gibt es keine gezielte Therapie.

Die einzige Möglichkeit eine Infektion und somit auch Erkrankung zu vermeiden, ist und bleibt die Schutzimpfung.

In Belgien finanzieren  die einzelnen Teilstaaten, die von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Impfungen.  Bei der Masernimpfung handelt es sich um eine freiwillige Dreifach-Impfung: Masern, Mumps, Röteln.  Um einen ausreichenden Impfschutz zu erhalten, muss diese zweimal verabreicht werden.

Die erste Impfung – auch MMR1 genannt – gilt für Kinder zwischen 11 und 15 Monaten. Die zweite Impfung, MMR2, für Kinder zwischen dem 11. und 12. Lebensjahr. Beide Impfungen können natürlich auch zu einem späteren Zeitpunkt noch vorgenommen werden.

In Belgien gibt es nur für Polio, auch bekannt als Kinderlähmung, eine Impfpflicht. Polio gilt in Belgien als ausgerottet.

Für Masern können wir das leider nicht behaupten. Gemäß WHO gelten Masern als ausgerottet, wenn 95% der Bevölkerung zweimal vollständig geimpft wurden.

Kollege Servaty hat in seiner Fragestellung die durchschnittliche Impfquote in Belgien genannt (92% bei der ersten und 85% bei der zweiten Impfung). Der Prozentsatz für beide Impfungen liegt in Belgien unter 95%.

Die Zahlen für die DG sind deutlich ernüchternder:

2013 wurden ca. 452 der 716 verzeichneten Neugeborenen geimpft. Das entspricht einer Quote von rund 63%. Im Jahr 2012 betrug die Impfquote noch rund 76%.

Bei der zweiten Impfung betrug die Impfdichte 2013 66,6%. Ob es zu weiteren Nachimpfungen bei diesen Kindern gekommen ist, erfahren wir erst bei der nächsten Schuluntersuchung im 1. Sekundarjahr, sowie über die von den Eltern gelieferten Impfangaben (Impfpässe) der untersuchten Kinder.

Die definitiven Zahlen liegen uns also noch nicht vor. Dennoch ist dieser Trend besorgniserregend.

Es muss nicht erst zu Todesfällen oder folgeschweren Erkrankungen in unserer Region kommen, um die Bedeutung der Schutzimpfung gegen Masern zu verdeutlichen.

In Deutschland haben die jüngsten Ereignisse eine Debatte über die Impflicht ausgelöst. Über das Für und Wider einer Impfpflicht kann man streiten. Finnland hat sich 1996 als erstes Land der Welt für masernfrei erklärt. Dies ohne Impflicht, sondern mit einer großangelegten Informationskampagne.

Wichtiger als die Debatte über eine Impflicht ist meines Erachtens eine umfassende Information. Und hier gibt es für uns noch einiges zu tun. Gleichzeitig möchte ich aber auch an die Eltern appellieren, sich ausführlich über Impfungen zu informieren. Suchen Sie das Gespräch mit dem Arzt Ihres Vertrauens oder dem Fachpersonal von Kaleido. Wenn Sie Bücher lesen oder im Internet recherchieren, dann beschränken Sie sich auf wissenschaftliche Quellen. Die Schutzimpfung ist eine der größten Errungenschaften der modernen Medizin, weil sie Leben rettet und vorbeugend wirkt. Denn vorbeugen, ist immer noch besser als heilen.

Geschlossen.

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