Reden / Reden & Parlament

Rede von Antonios Antoniadis anlässlich der Unterzeichnung des Paktes ONE in FIVE zur Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Kinder


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Gesundheit, Familie und Soziales anlässlich der Unterzeichnung des Paktes ONE in FIVE zur Bekämpfung sexueller Gewalt gegen Kinder

 Eupen, den 27. Januar 2015

20150127 Rede Anlässlich Der Unterzeichnung Des Paktes Oneinfive Und Vorstellung Leitfaden (164.6 KiB)

 

Sehr geehrte Fachkräfte,

Sehr geehrte Damen und Herren,

Sehr geehrte Vertreter des Kongresses der Gemeinden und Regionen des Europarates,

 

ich möchte Sie alle recht herzlich im Europasaal des Ministeriums willkommen heißen. Unser Tagesprogramm hält zwei Besonderheiten für uns parat. Zunächst einmal wird die AG Leuchtturm ihren Leitfaden für Fachkräfte zum Thema „Sexuelle Gewalt gegen Kinder“ vorstellen.

Im Anschluss daran werde ich im Namen der Deutschsprachigen Gemeinschaft den Pakt One in Five unterzeichnen. An dieser Stelle möchte ich mich ganz besonders bei unseren Gästen aus Straßburg bedanken. Denn in Person von seinem Vizepräsidenten Herr Josef Neumann, von Frau Hunting und Frau Krebber ist  auch der Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates vertreten. Das verleiht dem Ganzen noch viel mehr Bedeutung!

Herr Neumann wird vor der offiziellen Unterzeichnung sicherlich noch das ein oder andere Wort zum Kongress und zum Pakt One in Five verlieren. Nur so viel: Im Jahr 2007 hat der Europarat die Lanzarote-Konvention zum Schutz von Kindern vor sexueller Ausbeutung und sexuellem Missbrauch verabschiedet. Auch die DG hat sich zur Umsetzung dieses Abkommens verpflichtet. 2010 hat dann der Kongress der Gemeinden und Regionen Europas die Kampagne „ONE in FIVE“ ins Leben gerufen.

Das Hauptziel des Paktes ist die konkrete Umsetzung der Lanzarote- Konvention. Aufklärungsinstrumente zu entwickeln, ist eine der aufgeführten Maßnahmen. Der Leitfaden ist ein solches Instrument. Es bot sich also förmlich an, den Pakt im Anschluss an die Vorstellung des Leitfadens zu unterzeichnen.

Liebe Anwesende,

„One in Five – un sur cinq“. Der Name des Paktes führt uns allen eine traurige Realität vor Augen.  Ungefähr jedes 5. Kind in Europa ist in seinem bisherigen Leben bereits Opfer einer Form von sexueller Gewalt geworden.  Den meisten von uns mag diese Realität bekannt sein, so richtig wahrhaben wollen wir das aber nicht. So richtig wahrhaben können wir das auch nicht.

Es fällt schwer, angesichts dieser traurigen Zahlen die passenden, die richtigen Worte zu finden. Gibt es das überhaupt bei diesem Thema? Die richtigen Worte.

In unserer Gesellschaft werden viele Themen medial und in breiter Öffentlichkeit diskutiert. Um viele andere hingegen wird oft ein großer Mantel des Schweigens gehüllt, weil es einfacher ist, zu schweigen, als darüber zu sprechen. Sexuelle Gewalt gegen Kinder und Jugendliche ist ein solches Tabuthema.

Meine Damen und Herren,

wir dürfen unsere Augen nicht vor der unfassbaren Realität verschließen. Besonders deshalb nicht, weil wir uns in erster Linie dem Schutz derjenigen verschreiben sollten, die sich selbst nicht wehren können.

In diesem Zusammenhang fällt mir ein Zitat des  englischen Schriftstellers Charles Dickens aus seinem Roman „Große Erwartungen“ ein: „Kinder erleben nichts so scharf und bitter wie die Ungerechtigkeit.“ Und sexuelle Gewalt ist die größte Ungerechtigkeit, die einem Kind widerfahren kann. Niemand darf wegsehen, wenn Kindern und Jugendlichen ein solches Unrecht geschieht.

Und wenn ich meinen Blick durch den Europasaal schweifen lasse, dann bricht sich bei mir eine gewisse Zuversicht Bahn. Ich freue mich sehr, dass so viele Fachkräfte  aus den verschiedensten Bereichen die Einladung zur heutigen Veranstaltung wahrgenommen haben.  Es kommt nicht jeden Tag vor, dass dieser Saal bis auf den letzten Platz gefüllt ist.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, für mich ist Ihr zahlreiches Erscheinen ein überzeugender Beleg, wie sehr uns allen das Thema Kinderschutz auf den Nägeln brennt. Es zeigt auch:

  • Sie alle sind von dieser Thematik berührt oder bei ihrer alltäglichen Arbeit unmittelbar davon betroffen.
  • Sie alle sind bereit, mit diesem Tabu zu brechen. Statt wegzusehen, sehen Sie hin. Statt wegzuhören, hören Sie zu. Statt zu schweigen, sprechen Sie.

 

Es ist für niemanden einfach, mit einer Situation konfrontiert zu werden, bei der ein Kind möglicherweise Opfer sexueller Gewalt ist. Und niemand hier möchte damit konfrontiert werden. Für jeden ist dies, glücklicherweise und hoffentlich, eine Ausnahmesituation. Leider gibt es dafür aber kein Patentrezept.

Gerät man in eine solche Situation, stellt man sich eine ganze Reihe Fragen: Wie gehen Sie mit einem Verdacht auf sexuelle Gewalt gegen Kinder um? An wen wenden Sie sich? Welche Schritte leiten Sie ein? In solchen Momenten fühlen Sie sich vielleicht oftmals verunsichert und überfordert, verloren und desorientiert.

Gerade für Sie – die Fachkräfte – diejenigen, die tagtäglich mit Kindern arbeiten, sie betreuen, ihre Sorgen und Ängste erleben und spüren ist es ganz wichtig, in einem solchen Fall Hilfe zu bekommen.

Und genau aus diesem Grund haben Vertreter aus Jugendhilfe, dem Sozialbereich, dem Gesundheits- und Unterrichtswesen und der Opferbetreuung innerhalb der Arbeitsgruppe Leuchtturm eine Orientierungshilfe in Form eines Leitfadens erarbeitet.

Dieser Leitfaden soll den Fachkräften helfen, Anzeichen für sexuelle Gewalt zu erkennen und darauf zu reagieren. Er soll ihnen als Kompass und Stütze dienen.

Ich finde, die AG Leuchtturm hat großartige Arbeit geleistet. Sie hat sich diesem schwierigen und delikaten Thema mit sehr viel Ernsthaftigkeit angenommen und ein Instrument geschaffen, das – und da bin ich überzeugt – für alle eine große Hilfe in der alltäglichen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sein wird. Der AG Leuchtturm möchte ich an dieser Stelle meinen Dank und meine Anerkennung aussprechen.

Mit der heutigen Veranstaltung legen wir einen wichtigen Grundstein zur Bekämpfung von „sexueller Gewalt gegen Kinder“. Ich hoffe, dass in den kommenden Jahren viele weitere folgen werden. Und hier sind wir als Gesellschaft betroffen und gefragt. Politik Hand in Hand mit der Bevölkerung.

Dass das geht, zeigt der heutige Tag!

Ich möchte meinen kurzen Beitrag mit einem denkwürdigen Zitat des chilenischen Kinderpsychologen Jorge Barudy beenden. Eine offizielle Übersetzung habe ich nicht gefunden! Frei übersetzt sagte er:

„Die fürsorgliche Behandlung, der Schutz eines Kindes ist weder ein Geschenk noch ein Zufallsprodukt. Ganz im Gegenteil. Sie ist eine menschliche Handlung, die niemals von einer einzelnen Person oder von einer einzelnen Familie ausgeht, sondern einer gemeinsamen Anstrengung der ganzen Gesellschaft zugrunde liegt“.

In diesem Sinne wünsche ich uns allen einen interessanten, erkenntnisreichen und vor allem hilfreichen Nachmittag!

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Tags: , , ,
Schrift vergrößernSchrift verkleinernStandard