Reden / Reden & Parlament

Rede anlässlich der diesjährigen Demenzkampagne. Vortragsabend mit dem Titel „Die Kunst der Begleitung von Menschen mit Demenz“


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales, anlässlich der diesjährigen Demenzkampagne.

Eupen, 19.11.2014

20141119 Demenzkampagne
20141119 Demenzkampagne
20141119 Demenzkampagne.pdf
319.7 KiB
384 Downloads
Details

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich möchte mich zunächst einmal für die freundliche Einladung bedanken. Ich möchte es aber auch nicht missen, den Mitgliedern der Arbeitsgruppe Demenz vorab zur Organisation der diesjährigen Demenzkampagne  zu gratulieren:

Liebe Mitglieder der Demenz-Angehörigengruppe Eifel,
liebe Mitglieder des Patienten Rat und Treffs,
liebe Mitglieder der Altenheime der DG,
liebe Mitglieder der beiden Krankenhäuser
und zu guter Letzt: Liebe Mitglieder der Memory Klinik:
haben Sie vielen Dank für Ihren Einsatz und Ihr Engagement! Der Zuspruch für die heutige Veranstaltung spricht für Ihre Arbeit.
Ein ganz besonderer Dank gilt natürlich auch Frau Dr. Romero für ihr Kommen. Ich bin schon ziemlich gespannt auf das, was Sie uns gleich mit auf den Weg geben werden.

Liebe Anwesende,
bei der Vorbereitung meiner Rede bin ich auf einen Romanauszug des österreichischen Dichters Rainer Maria Rilke gestoßen. Ich finde er passt hervorragend zum heutigen Anlass. Die folgende, nur geringfügig abgewandelte Passage ist ein Tagebucheintrag aus seinem Werk „Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge“ aus dem Jahr 1910 – Rilkes einzigem echten Roman.

„Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben, sagen und [mich daran erinnern, AdR.]. Aber es wird der Tag kommen, an dem meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben [lasse, AdR.], wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit der anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen. […].
Oh, es fehlt nur [ein kleiner Schritt, AdR] und ich könnte das alles begreifen, und mein Elend würde Glückseligkeit sein. Aber ich kann diesen Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich nicht mehr aufheben, weil ich zerbrochen bin…“

Die Worte, die Rilke seiner Romanfigur in den Mund, oder besser gesagt in die Feder gelegt hat, stimmen nachdenklich. Malte Brigge merkt, dass er langsam die Fähigkeiten verliert, die ihn früher einmal auszeichneten. Vorausahnend beschreibt er einen Prozess, der im Leben vieler Menschen mit dem Älterwerden Realität wird. Noch ist er in der Lage, sich an alles zu erinnern. Er wird sich jedoch bewusst, dass die Zeit vergänglich ist und dass man die Sinne nicht ewig  konservieren kann. Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die einzelnen Glieder seines Erinnerungsvermögens sich nicht mehr zu einer unzertrennbaren Sinneskette zusammenfügen, sondern sich in „Wolken auflösen und in Wasser niedergehen“.

Es gibt, wie es in der Literatur üblich ist, eine Fülle an unterschiedlichen Interpretationen für diesen Abschnitt. Eine Verbindung zur Demenzerkrankung drängt sich meines Erachtens jedoch förmlich auf.

Meine Damen und Herren,

noch immer lösen Begriffe wie Demenz bei dem einen oder anderen ein gewisses Unbehagen aus . Es wird dann gerne versucht, einen möglichst großen Bogen um das Thema zu machen. Dabei ist es so unglaublich wichtig, sich eingehend damit auseinanderzusetzen. Schließlich betrifft es immer mehr Menschen auf der Welt – direkt oder indirekt.

Der medizinische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat dazu geführt, dass eine Reihe schwerer Krankheiten wirksam bekämpft werden konnte. Der  medizinische Fortschritt hat auch dazu geführt, dass die Menschen im Durchschnitt älter werden.  Dies gehört sicherlich zu den bemerkenswertesten Errungenschaften unserer Zeit und diese möchten wir nicht mehr missen. Doch die Situation hat auch eine Kehrseite. Je älter wir werden, umso vermehrt treten auch altersbedingte Krankheiten wie Demenz auf.  Besondere Herausforderungen sind damit verbunden – nicht nur für die Erkrankten.

Denn die Demenz verändert nicht nur ihr Leben und dessen Wahrnehmung, sondern auch das Leben derjenigen, die sie pflegen und begleiten.  Und am heutigen Abend stehen besonders diese Menschen im Mittelpunkt. Die Demenzerkrankung ist ein schleichender Prozess, an dessen Ende nichts mehr ist, wie es einmal war. Doch es gibt immer wieder ganz besondere und erfrischende Momente – so entfernt sie oft scheinen, und so kurz sie mit zunehmendem Krankheitsverlauf auch sein mögen.

Nichtsdestotrotz ist dieser ständige Wandel eine große Belastung – für beide Seiten. Jeden Tag kann eine neue Situation entstehen, eine neue Aufgabe auftreten. Freunde und Angehörigen helfen, benötigen selbst aber auch Hilfe, Unterstützung und Freiräume. Das ist mir in den persönlichen Gesprächen, die ich mit Angehörigen geführt habe, nochmals klar geworden.

Meine Damen und Herren, es ist beruhigend zu wissen, dass sie ein umfassendes Angebot an Hilfe in Anspruch nehmen können:

Da ist einerseits die Arbeit der AG Demenz. Die Demenzkampagne ist ein Impuls von unschätzbarem Wert. Sie rückt ein Thema in den Vordergrund, das noch viel zu häufig noch tabuisiert wird. Die Arbeitsgruppe sensibilisiert, sie klärt die Menschen über die Krankheit auf. Außerdem gibt sie auf ihrer eigenen Homepage wertvolle Ratschläge zu unterschiedlichen Situationen rund um die Demenzerkrankung.

Doch auch die Politik steht in der Pflicht. Die Regierung wird die AG auch weiterhin finanziell bei ihrer Arbeit unterstützen.  Parallel dazu ist es eine unserer Prioritäten, im 2. Umsetzungsprogramm des REK die Lebensqualität all unserer Senioren, ob zuhause oder im Pflegeheim, in der Stadt oder auf dem Land, zu sichern und zu steigern. Das geht nur über Dienstleistungen der häuslichen Hilfe und der Alten- und Pflegeheime, die Menschen, die an Demenz erkranken und ihre Familien unterstützen.  Bei der häuslichen Hilfe denke ich beispielsweise an die Familienhilfe, die SOS-Hilfe oder an Dienste, wie den JKS und die Stundenblume.
Liebe Anwesende,

ich möchte abschließend noch einmal Rilke bemühen. Vor allem den letzten Satz der Passage, die ich zitiert habe, möchte ich wiederholen. „Aber ich kann diesen Schritt nicht tun, ich bin gefallen und kann mich nicht mehr aufheben, weil ich zerbrochen bin“.
Ein an Demenz erkrankter Mensch kann es nicht alleine schaffen. Er ist auf Freunde und Familienangehörige angewiesen, die ihm Sicherheit vermitteln; ihm Nähe und Geborgenheit schenken, ihn pflegen und begleiten. Auf ein Umfeld, das dafür sorgt, dass er wieder aufsteht, wenn er gefallen ist und das ihm vor dem Zerbrechen bewahrt. Auf diesem oftmals beschwerlichen Weg gibt es einen ständigen Begleiter – das Herz. Das haben auch die beiden Autoren Udo Baer und Gabi Schotte in ihrem Buch festgehalten: Der Titel, den sie ihrem Buch gegeben haben ist denkwürdig!

Es lautet: „Das Herz wird nicht dement“

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Einen Kommentar schreiben

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>

Tags:
Schrift vergrößernSchrift verkleinernStandard