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Studiennachmittag Prisma: Häusliche Gewalt


Es gilt das gesprochene Wort!

24.10.2018

Studiennachmittag Prisma Häusliche Gewalt (171.5 KiB)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

vor wenigen Wochen wurden zwei bewundernswerte Menschen mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet. Die irakische Jesidin Nadia Murad und der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege. Beide setzen sich in ihrem Land und auf ihre Weise gegen sexuelle Gewalt gegen Frauen ein. Die 25-jährige Jesidin wurde vom Islamischen Staat (IS) entführt und als Sexsklavin festgehalten. Sie konnte dem IS entkommen und lebt mittlerweile in Deutschland.

Mukwege kämpft dafür, dass Vergewaltigung als Kriegsverbrechen international geächtet wird. Mit seinem Panzi-Hospital hat er in der Demokratischen Republik Kongo für zehntausende Vergewaltigungsopfer einen Zufluchtsort geschaffen.

Beide fordern die Vereinten Nationen dazu auf, sexualisierte Gewalt einhellig zu verurteilen und die Bemühungen im Kampf gegen Gewalt gegenüber Frauen zu intensivieren.

Eine Forderung, die recht gut zum heutigen Tag passt, denn genau heute vor 73 Jahren wurden die Vereinten Nationen aus der Taufe gehoben. Seit diesem Tag setzt die UN sich unablässig für die Achtung der Menschenrechte und somit auch für die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau ein. In den Augen Mukweges reicht das jedoch nicht!

Wir brauchen nicht noch mehr Beweise. Wir brauchen Taten“, lautet seine Maxime. Bemerkenswerte Worte eines bemerkenswerten Menschen, der in Afrika das Schicksal in die Hand genommen hat und Taten hat folgen lassen.

Wer nun denkt, all dies geschehe nur weit entfernt in Afrika und betreffe uns nicht, liegt falsch, meine Damen und Herren!

Denn beim Schutz von Frauen vor Gewalt ist Europa bei Weitem kein Musterschüler.

Sehr geehrte Damen und Herren,

Gewalt gegen Frauen und Mädchen hat viele Formen. Sie kann sowohl sexueller, physischer oder psychischer Art sein und findet beinahe immer hinter verschlossenen Türen statt.

Die Agentur der Europäischen Union für Grundrechte hat in einem Bericht aus dem Jahr 2014 traurige Zahlen veröffentlicht:

  • Jede dritte europäische Frau hat seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und oder sexuelle Gewalt erfahren. Das sind mehr als 60 Millionen Frauen!
  • Besonders häufig ist dabei die häusliche Gewalt. Also jene, die im vertrauten Umfeld und vom vertrauten Partner ausgeht. In Belgien ist jede 7. Frau Opfer häuslicher Gewalt.
  • Im Jahr 2017 starben belgienweit sogar mindestens 37 Frauen an den Folgen eben dieser Gewalt.

Diesen Zustand dürfen wir als Gesellschaft nicht tolerieren und das werden wir auch nicht!

In Ostbelgien sagen wir der Gewalt gegen Frauen nämlich selbst den Kampf an. Und das schon seit sage und schreibe mehr als 20 Jahren. In diesem Zusammenhang möchte ich jedoch nicht von einem freudigen Jubiläum sprechen. Denn ich muss gestehen, mir wäre lieber das Frauenhaus wäre nicht nötig. Und dennoch bin ich sehr froh darüber, dass es seit 20 Jahren für Frauen in Ostbelgien einen Zufluchtsort gibt, der ihnen über einen bestimmten Zeitraum Schutz und Geborgenheit bietet.

Mit der VoG Prisma hat die Regierung seit nunmehr 34 Jahren einen kompetenten und verlässlichen Partner an ihrer Seite.

Wir brauchen eine qualitativ hochwertige Versorgung mit Frauenhausplätzen in Ostbelgien. Wir brauchen aber auch außerhalb des Frauenhauses ein bedarfsgerechtes Angebot! Besonders die Kinder dürfen wir hierbei nicht aus den Augen verlieren. Denn in vielen Fällen der häuslichen Gewalt sind sie machtlose Zeugen. Es reicht nicht, den Kindern lediglich ein Bett zur Verfügung zu stellen. Nein, sie müssen auch angemessen betreut und umsorgt werden.

Das ist vor allem deshalb wichtig, weil statistisch erwiesen ist, dass Kinder, die selbst Gewalt erleben oder beobachten, wiederum eher dazu neigen, als Erwachsene selbst gewalttätig zu werden.

Und genau hier setzt Prisma mit ihren vielfältigen Angeboten an. Von der die psychosozialen Beratung über die stationäre Unterbringung im Frauenfluchthaus bis hin zur ambulanten Begleitung und zur allgemeinen Sensibilisierung wird die ganze Bandbreite der Thematik erfasst. Insbesondere im ambulanten Bereich war der Bedarf vor einiger Zeit sehr groß. Deshalb habe ich beschlossen, Prisma eine zusätzliche Halbtagsstelle zu gewähren. Denn nicht nur im Frauenhaus selbst benötigen Frauen eine Begleitung. Oftmals kommen sie vom Anwalt zu Prisma. Beim Anwalt haben sie alle Informationen erhalten und sozusagen alles gehört, aber dennoch längst nicht alles verstanden. Diese Lücke konnte durch die personelle Aufstockung größtenteils geschlossen werden.

Doch Prisma tut noch mehr.

So ist die Einrichtung ebenfalls im Bereich der Diskriminierung verstärkt aktiv. Gemeinsam mit dem Institut für die Gleichberechtigung von Männern und Frauen steht Prisma für alle Diskriminierungsfragen, die im Zusammenhang mit der Thematik Mann/Frau stehen, als zentraler Ansprechpartner für die Bürgerinnen und Bürger zur Verfügung.

Leider ist es uns bisher noch nicht gelungen, die häusliche Gewalt ganz aus den eigenen vier Wänden zu vertreiben. Aber wir konnten das gesellschaftliche Bewusstsein für diese Thematik stärken. Und diese Bewusstseinsbildung wird die Regierung mit Prisma gemeinsam auch in der Zukunft weiter vorantreiben.

Ban Ki-moon, der ehemalige Generalsekretär des heutigen Geburtstagskindes Vereinte Nationen sagte einst: „Jede Gewalt gegen Frauen ist ein Verbrechen“. Dem stimme ich voll und ganz zu..

Verbrechen müssen im schlimmsten Falle bestraft und im besten Falle verhindert werden. Das ist eine Frage der Gerechtigkeit. Der diesjährige Friedensnobelpreisträger hat auch hierzu eine klare Meinung, indem er sagt: „Gerechtigkeit ist nicht verhandelbar“!

Meine Damen und Herren, abschließend möchte ich mich im Namen der Regierung bei allen Mitarbeiterinnen und den Ehrenamtlichen des Frauenzentrums Prisma und besonders des Frauenfluchthauses für die 20 Jahre Hilfsbereitschaft, die vielen offenen Ohren und vor allem für die offenen Herzen bedanken.

Auch wenn man dies gewöhnlich bei einem Jubiläum nicht tut, so wünsche ich mir dennoch, dass wir eines Tages kein Frauenfluchthaus mehr brauchen! Ich glaube, es gibt heute etwas zu feiern. Wir feiern die Frauen und Familien, die dank das Frauenfluchthauses einen Neuanfang machen konnten. Wir feiern die Menschen, die in dieser Einrichtung tätig sind und Menschen Schutz und neue Perspektiven bieten.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit!

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