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„Resilienz – wie fördere ich die Widerstandskraft meines Kindes“


Es gilt das gesprochene Wort!

12.10.2018

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte Sie ganz herzlich hier im Europasaal des Ministeriums willkommen heißen.

Es freut mich sehr, dass Sie so zahlreich erschienen sind.

Das Thema der heutigen Fachtagung lautet: „Resilienz – wie fördere ich die Widerstandskraft meines Kindes“.

Ein Thema, das nicht von der Regierung vorgegeben wurde, sondern für das sich die ostbelgischen Pflege und Adoptivfamilien im Zuge einer Umfrage zum Jahreswechsel 2017-2018 ausgesprochen haben.

Demnach bin ich zuversichtlich, dass die meisten unter ihnen wissen, was Resilienz bedeutet.

Und dennoch habe ich es mir nicht nehmen lassen, im Vorfeld der heutigen Fachtagung nochmals im Duden nachzuschlagen.

Dort steht, dass das Wort Resilienz so viel bedeutet wie „zurückspringen“ oder „abprallen“. So versteht man darunter beispielsweise die Fähigkeit eines elastischen Materials, selbst nach starker Verformung wieder in den Ausgangszustand zurückzukehren.

Das klingt soweit schön und gut, aber was hat das jetzt mit der Widerstandskraft von Kindern oder Erwachsenen zu tun?

Es dürfte wohl niemanden hier überraschen, dass der Begriff nicht nur in der Physik, sondern auch in der Psychologie Anwendung findet. Denn auch psychologisch gesehen gibt es Verformungen. Beispielsweise wenn ein Mensch in schlechten oder schwierigen Bedingungen lebt. Ich denke da an Armut oder Gewalterfahrungen, an harte Schicksalsschläge oder einen schlechten Umgang.

Und an dieser Stelle kann man dann von der Resilienz als der Fähigkeit einer Person sprechen, trotz belastender Erfahrungen seelisch gesund zu bleiben und sich positiv und kompetent zu entwickeln. Man könnte also schlussfolgernd behaupten Resilienz steht für das Immunsystem der Psyche oder auch für den Schutzschirm der Seele.

Googlet man ein wenig weiter zu diesem Thema so stößt man recht schnell auf den Begriff „Stehaufmännchen“.

Also Menschen, die sich so schnell nicht unterkriegen lassen oder an denen belastende Ereignisse scheinbar abprallen.

Um Ihnen ein konkretes Beispiel eines solchen Stehaufmännchen aufzuzeigen, möchte ich Ihnen einen Artikel vorlesen, auf den ich kürzlich im Internet gestoßen bin. Es ist die Geschichte von Anna.

„Anna wächst in aus unserer Sicht denkbar schlechten Verhältnissen auf. Ihre Mutter stirbt, als sie vier Jahre alt ist, ihr arbeitsloser Vater gibt das knappe Familieneinkommen für Alkohol aus, vernachlässigt Anna und ihre Schwester und schlägt beide. Doch Anna entwickelt sich zur Kämpfernatur. Sie sucht Kontakt zu Menschen, die sie fördern und denen sie vertrauen kann. Sie lernt viel, um eines Tages ein anderes Leben führen zu können – und sie schafft es. Heute ist Anna 29 und steht kurz vor der Promotion. Sie ist seit fünf Jahren glücklich verheiratet und erwartet im Sommer ihr erstes Kind. Zu ihrem Vater hat sie keinen Kontakt mehr. Mit den Menschen, die sie damals unterstützt haben sind enge Freundschaften entstanden. Ihre psychische Robustheit angesichts der vielen belastenden Ereignisse ist für Außenstehende erstaunlich, für Anna selbst scheint das weniger der Fall zu sein. Sie sagt «Ich kann es nicht ausstehen, wenn Leute sich auf ihrer schweren Kindheit ausruhen und diese als Legitimation für alles nehmen, was sie in ihrem Leben nicht auf die Reihe bekommen». Und mehr noch: «Ich bereue nichts, was mir passiert ist. Alles, was ich erlebt habe, hat mich stark gemacht. Besonders dankbar bin ich dabei den Personen, die an mich geglaubt haben und die mich gefördert haben.»

Werte Anwesende,

Anna ist aus meiner Sicht ein Paradebeispiel für Resilienz. Sie ist nicht an den negativen Erfahrungen zerbrochen, sondern hat es geschafft, gestärkt aus diesen schweren Lebensbedingungen hervorzugehen.

Solche Schicksaalschläge wünscht sich niemand. Und es wäre auch blauäugig zu denken, dass ein Mensch diese trotz Resilienz so einfach wegsteckt. Der Umgang mit Krisensituationen ist von Person zu Person unterschiedlich. Ein Jeder bewältigt diese anders.

Doch Studien haben auch bewiesen, dass es möglich ist, eine gewisse Widerstandskraft anzutrainieren. Resilienz ist de facto erlernbar, ein Leben lang, bis ins hohe Alter. Doch es ist wie mit so vielem: Je früher umso besser- womit wir beim heutigen Thema wären.

Wie Sie sicherlich nur zu gut wissen, sind Adoptiv- und Pfelegekinder oftmals enormen Belastungen ausgesetzt. Nicht selten haben die Kinder schwierige Erfahrungen gemacht, die sie in die Familie mitbringen und unter denen sie lange leiden beziehungsweise mit denen sie über Jahre zu kämpfen haben.

Um den Kindern oder besser noch der gesamten Familie zu helfen diese Herausforderung zu meistern, ist die Regierung darum bemüht Pflege- sowie Adoptivfamilien bestmöglich zu unterstützen. So haben wir beispielsweise dafür gesorgt, dass das Programmdekret der Wallonischen Region dahingehend angepasst wurde, dass Pflegekinder aus Ostbelgien fortan im Erbschaftssteuergesetzbuch berücksichtig werden. Das heißt, dass Pflegekinder künftig Anrecht auf einen Erbteil der Pflegeeltern haben können. Außerdem haben wir uns dafür stark gemacht, dass Pflegekinder die in einer Pflegefamilie aufwachsen eine finanzielle Unterstützung im Rahmen der Jugendhilfe erhalten.

Darüber hinaus unterstützen wir die Austauschgruppen und Thementage des Pflegefamiliendienstes. Als zuständiger Minister befürworte ich dies ausdrücklich und fördere die Organisation von zusätzlichen Fachtagungen.

Damit eine Fachtagung wie die heutige allerdings zu einem Erfolg wird und für die Teilnehmer einen echten Mehrwert darstellt, bedarf es einer kompetenten Referentin.

Es freut mich daher sehr, dass wir dazu Frau Brigitte Schäfer gewinnen konnten. Ich habe im Vorfeld einen kurzen Blick auf Ihren recht interessanten Lebenslauf geworfen und bin zuversichtlich, dass hier heute keineswegs Langeweile aufkommen wird.

An dieser Stelle möchte ich nicht allzu weit vorgreifen und es bei dem Gesagten belassen.

Abschließend möchte ich es mir allerding nicht nehmen lassen, Ihnen ein Zitat mit auf den Weg zu geben, dass wie ich finde recht gut zum heutigen Thema passt.

Es stammt von Winston Churchill der einst sagte:

„Die Kunst ist es, einmal mehr aufzustehen, als man umgeworfen wird.“

Wie wir diese Kunst fördern oder ermöglichen können, werden Sie sicherlich in den kommenden Stunden erfahren. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen einen aufschlussreichen Tag und übergebe das Wort an Frau Schäfer.

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