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Verleihung des Marie-Simon-Pflegepreises in Berlin


Foto: ©Berliner Pflegekonferenz/allefarben-foto.com

Es gilt das gesprochene Wort!

06/11/2017

Verleihung des Marie-Simon-Pflegepreises (160.4 KiB)

Sehr geehrte Exzellenzen und Bundestagsabgeordnete,

meine sehr geehrten Damen und Herren,

liebe Finalisten des Marie Simon Pflegepreises,

es freut mich außerordentlich, Teil dieser hochrangigen Pflegekonferenz sein zu dürfen. Wie Sie vielleicht wissen, komme ich aus dem einzigen deutschsprachigen Bundesland Belgiens mit Deutungshoheit! Wir zählen 77.000 Einwohner und sind seit Kurzem für die gesamte Seniorenbegleitung und –pflege zuständig. Vor der 6. Staatsreform war es nur die häusliche Hilfe. Inzwischen sind eine Reihe von neuen Zuständigkeiten, darunter die Finanzierung der Alten- und Pflegewohnheime, hinzugekommen. Für ein so kleines Bundesland sind Außenbeziehungen und eine gute grenzüberschreitende Zusammenarbeit überlebenswichtig. Denn die Deutschsprachige Gemeinschaft ist zu klein, um immer alleine Lösungen für die wichtigen Herausforderungen unserer Zeit zu finden. Wir müssen nicht alles selbst entwickeln und profitieren vom Wissensaustausch. Das klingt besser als Industriespionage. Aus diesem Grund sind wir heute dabei.

Soeben durften wir uns von den fünf bemerkenswerten Projekten, die sich um den Marie Simon Pflegepreis beworben haben, unser eigenes Bild machen. Mir wird nun die ehrenvolle Aufgabe zuteil, den diesjährigen Gewinner auszurufen. Unter mir in der Hand halte ich den Briefumschlag mit dem Namen des Preisträgers. Ich muss gestehen, ich habe etwas gemogelt und schon im Vorfeld in den Umschlag geschaut.

Ich bin sicher: die Kandidaten sitzen schon auf glühenden Kohlen. Leider muss ich Sie noch ein wenig auf die Folter spannen. Denn das Beste kommt bekanntermaßen ganz zum Schluss… und davor reden die Politiker…und das kann bekanntlich dauern!

Liebe Anwesende,

die Würde des Menschen ist unantastbar, so steht es im Grundgesetz.

Die belgische Verfassung sagt, jeder hat das Recht, ein menschenwürdiges Leben zu führen. Und auch in der EU-Grundrechte Charta wird der Würde ein eigenes Kapitel gewidmet.

Das zeigt, dass dieser Grundsatz uneingeschränkt für jeden Menschen gelten sollte. Egal, wo er herkommt, wie er aussieht oder wie alt er ist.

Wir müssen also dafür Sorge tragen, dass gerade Menschen mit Unterstützungsbedarf im Alter ein würdevolles und selbstbestimmtes Leben führen können.

In Zeiten des demografischen Wandels, knapper Kassen und in einer leistungsorientierten Gesellschaft ist dies nicht immer einfach und mit einer Reihe von Fragen verbunden:

  • Was können wir tun, damit unsere Senioren möglichst lange in ihrem vertrauten Lebensumfeld bleiben oder in alternativen Wohnformen leben können?
  • Wie stellen wir sicher, dass Senioren, wenn ihr gesundheitlicher Zustand es erfordert, in einem Alten- oder Pflegewohnheim in guten Händen sind und eine qualitativ hochwertige Pflege in Anspruch nehmen können?
  • Wie schaffen wir es, dass ihre Angehörigen, die sie tagtäglich pflegen und begleiten, auch mal eine Verschnaufpause einlegen und neue Kraft tanken können? Wie helfen wir Ihnen, Familie und Beruf besser vereinbaren zu können?
  • Wie können wir, besonders im ländlichen Raum, dem Fachkräftemangel begegnen?
  • Und wie vernetzen wir die verschiedenen Dienstleister untereinander und mit dem Senior, um eine bestmögliche Umrahmung zu ermöglichen.

Um die passenden Antworten auf diese und weitere Fragen zu geben, müssen wir alle gemeinsam die Weichen stellen und entsprechende Maßnahmen ergreifen. Denn das selbstbestimmte Leben im Alter ist mehr als nur eine Floskel, es ist ein Gesellschaftsprojekt.

Bei all unseren Anstrengungen müssen wir aber manchmal auch die gewohnten Bahnen verlassen und es wagen, neue Wege zu beschreiten. Getreu dem Motto: auf ausgetretenen Pfaden hinterlässt man keine Spuren. Mut und Durchhaltevermögen sind hier ebenso gefragt wie Kreativität und Innovation.

Denn um schwierige Aufgaben meistern zu können, muss man sich unablässig neuen Gegebenheiten anpassen und dabei immer die Zukunft im Blick haben. Oder, um es mit den Worten des deutschen Chemikers Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger zu sagen: „Innovationen sind ein Bündnis mit der Zukunft“.

Und, liebe Anwesende, die 5 Finalisten für den Marie Simon Pflegepreis haben sich, wie wir eben eindrucksvoll sehen konnten, mit der Zukunft verbündet. Sie sind innovativ, kreativ und inspirativ!

Alle 5 Projekte haben eines gemeinsam: Sie helfen Menschen! Sei es durch die Verbesserung der medizinischen Versorgung, durch Weiterbildungsangebote, Netzwerkarbeit, die Entlastung von Angehörigen oder die direkte Unterstützung von Pflegebedürftigen.

Alle 5 Finalisten hätten deshalb die bemerkenswerte Auszeichnung des Pflegepreises verdient. Am Ende kann jedoch nur ein Kandidat den Preis entgegennehmen.

Ich sprach vor einigen Augenblicken davon, dass die Ostbelgier sich gerne von ihren Nachbarn inspirieren lassen und bei ihnen nach guten Beispielen suchen. In den meisten Fällen werden wir dabei fündig! Nur manchmal, meine sehr verehrten Damen und Herren, merken wir das erst so richtig, Monate später auf einer Pflegekonferenz in Berlin. Denn wie der Zufall es so will, habe ich den Verantwortlichen des heutigen Gewinners einen Besuch abgestattet, wenngleich ich damals noch nicht das Projekt besichtigen konnte. Das ist Hinweis Nummer 1.

An dieser Stelle möchte ich die Gratulanten Herrn Rawiel und Herrn Jacobs auf die Bühne bitten.

Wie gut das mit der Deutschsprachigen Gemeinschaft und den Best-Practice-Beispielen im Ausland funktioniert, zeigt eine ganz konkrete Erfahrung. Bei einem Besuch in Niederösterreich bin ich auf ein Projekt aufmerksam geworden, das seit nunmehr einem knappen Jahr auch in Ostbelgien umgesetzt wird. Und das ist der zweite Hinweis, sozusagen der Wink mit dem Zaunpfahl – das dürfen Sie gerne wörtlich nehmen. Die Rede ist von einer eigenen Demenzstrategie.

Meine Damen und Herren, hiermit verkünde ich feierlich den Gewinner des diesjährigen Marie Simon Pflegepreises. Gewonnen hat „Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein e. V.“ mit ihrem innovativen Projekt in der Pflege „Selbsthilfe Demenz: Bauernhöfe als Orte für Menschen mit Demenz“!

Diesen herzlichen Applaus haben Sie sich redlich verdient! Mit Ihrem innovativen Projekt schaffen Sie ein ausgezeichnetes niederschwelliges Betreuungsangebot für Menschen mit Demenz. Damit ist Ihnen eine perfekte Symbiose gelungen zwischen dem Betreuungsbedarf der Menschen mit Demenz, der Entlastung ihrer Angehörigen sowie der Natur und den traditionellen Werten des Bundeslandes Schleswig-Holstein. Ich bin der festen Überzeugung, dass diese Initiative Schule machen wird. Schließlich trägt sie entscheidend dazu bei, dass beim Umgang mit Demenz weitere Tabus gebrochen werden und so manche Barriere in den Köpfen abgebaut wird.

Für Ihre Zukunft wünsche ich Ihnen alles Gute. Wer weiß, vielleicht sehen wir uns bald mal wieder in Schleswig-Holstein.

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