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40-jähriges Jubiläum des SPZ


25.11.2016

Es gilt das gesprochene Wort!

20161127 Rede 40 Jahre SPZ (252.4 KiB)

Sehr geehrte Damen und Herren, liebes SPZ-Team, ich habe nun die unangenehme Aufgabe als letzter zu Ihnen zu sprechen. Sie ist deshalb unangenehm, weil sich so zu sagen das letzte Hindernis bin zwischen Ihnen und dem angenehmen Teil des Abends.

Es ist mir eine Freude, heute zum 40-jährigen Jubiläum des SPZ einige Worte an Sie richten zu dürfen. Wie jedes Jahr war auch das Jahr 1976 von einschneidenden Ereignissen geprägt. Mit dem Tod Mao Zedongs endete die Konterrevolution in der Volksrepublik China. Die Amerikaner wählten den Demokraten Jimmy Carter zu ihrem 39. Präsidenten. Im April 1976 gründete Steve Jobs gemeinsam mit Steve Wozniak die Firma Apple. Und bei uns in Ostbelgien wurde das Sozial-Psychologische Zentrum, seither unter dem Kürzel SPZ bekannt, gegründet. 40 Jahre ist das nun schon her, eine gefühlte Ewigkeit.

Die technologischen und medizinischen Rahmenbedingungen, das Arbeitsleben, das Familienleben, die Kommunikation haben sich seitdem grundlegend verändert – und mit ihnen auch unsere Gesellschaft. Sie ist heute eine ganz andere als zuvor. Das kann man täglich aufs Neue beobachten.

Gerade jetzt in der Vorweihnachtszeit und besonders in größeren Städten aber auch bei uns in Ostbelgien.

Dann sieht man Menschen, die von einem Geschäft ins andere hetzen. Hupende Autos, die sich über den Asphalt quälen und versuchen, möglichst vor dem anderen anzukommen. Je schneller, umso besser. Und wenn möglich, auch noch alles auf einmal.

Ich meine, wer kennt das nicht. Man möchte jederzeit auf dem Smartphone erreichbar sein, um in Sekundenschnelle Informationen zur Hand zu haben, im Minutentakt auf Mails und SMS antworten zu können. Oder bei einer flotten Runde durch die Lebensmittelgeschäfte an der Kasse noch die letzten Facebook-Benachrichtigungen checken, während die neuesten WhatsApp-Mitteilungen der Tanzgruppe das Handy bereits mehrfach haben vibrieren lassen. Bei all diesem Eifer und bei all dieser Hektik gilt: immer am Ball bleiben. Schließlich könnte man ja sonst etwas verpassen!

Unser Alltag beschleunigt sich immer mehr, insbesondere in Zeiten der zunehmenden Globalisierung und der Digitalisierung.

Wir leben schnell, wir leben rasant. Sehr geehrte Damen und Herren, wir leben auf der Überholspur! Ich habe mir im Vorfeld dieser Veranstaltung die Frage gestellt, ob es nur eine subjektive Wahrnehmung ist, dass alles schneller geworden ist.

Dabei bin ich auf eine ganz interessante wissenschaftliche Studie über die Gehgeschwindigkeit und somit auch über das Lebenstempo gestoßen. Diese Studie liegt leider schon fast 10 Jahre zurück und dennoch lässt sie bemerkenswerte Rückschlüsse zu. Denn für 20 Meter brauchten die Menschen 2007 im Durchschnitt 12,49 Sekunden, 1990 waren es noch 13,76 Sekunden. Dies stellt einen Unterschied von 10 Prozent dar. Ich bin überzeugt davon, dass eine neue Studie erneut auf einen Geschwindigkeitsanstieg hindeuten würde.

Doch was konkret sagt dies aus? Ist es nicht gut, dass alles schneller wird?

Grundsätzlich kann man sagen, dass der Druck steigt, in derselben Zeit immer mehr machen zu müssen beziehungsweise zu wollen und allseits präsent zu sein. So ist nicht nur unser beruflicher, sondern auch unser private Alltag getaktet.

Doch mit diesem Druck geht jeder Mensch anders um. Während die einen in diesen Stresssituationen aufblühen, empfinden andere sie als unzumutbar. Ess- und Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen oder das Abdriften in Abhängigkeit können die Folgen sein.

Angesichts dieser Entwicklungen ist kaum verwunderlich, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren ständig ansteigt. Und nicht jeder Fall ist statistisch erfasst.

In diesen Fällen hilft dann nur eins: der Schritt hin zu einer Behandlung. Kein leichter Schritt, da die Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung allgegenwärtig und die Befürchtung, als schwach gesehen zu werden, groß ist.

Mittlerweile ist die gesellschaftliche Akzeptanz für die Inanspruchnahme von psychologischer Beratung und Betreuung aber gestiegen. Hierfür ist auch unser heutiges Geburtstagskind, das SPZ, mitverantwortlich. Durch gute Öffentlichkeitsarbeit und konkrete Hilfe mit der finanziellen Unterstützung der DG, die im nächsten Jahr immerhin 926.000 € betragen wird.

Werte Gäste, als Dienst der so genannten ersten Linie leistet das SPZ seit vier Jahrzehnten einen wichtigen Beitrag. Das Team von professionellen Therapeuten ist mit einer Vielzahl an Anfragen konfrontiert, auf das es immer passende Angebote sucht, bei denen der Mensch und dessen Bedürfnisse im Mittelpunkt stehen.

Ich denke hier beispielsweise an Beratungen bei Depressionen, Sucht und Abhängigkeit oder an Gesprächsgruppen für trauernde Jugendliche. Außerdem bietet das SPZ zukünftig Gruppenprojekte für Menschen mit depressiven Problemen oder chronischer Schmerzproblematik an.

Ob Erwachsene, Kinder, Jugendliche, Hiesige oder Zugezogene – beim SPZ finden viele Menschen Hilfe. Das SPZ ist im Laufe der Zeit ein fester Bestandteil des Dienstleistungsangebotes und ein unverzichtbarer Partner der Deutschsprachigen Gemeinschaft geworden.

Auf diese Partnerschaft möchte ich auch in Zukunft mit Ihnen bauen und gemeinsam mit dem KITZ, für das die DG im Rahmen der 6. Staatsreform zuständig geworden ist, und dem Projekt Frühhilfe ein neues Kapitel aufschlagen. Durch die 6. Staatsreform ergibt sich die Chance, ein ganzheitliches Angebot für Kinder und Jugendliche von 0 bis 21 Jahren mit sozialpädagogisch-therapeutischem Bedarf zu entwickeln. Wir erhalten die Chance, die Kräfte zu bündeln, um ein Angebot zu schaffen, das den Bedürfnissen der Bevölkerung passgenau entspricht und nicht unterschiedlichen Finanzierungs- und Zuständigkeitsebenen unterliegt.

Dieses Konzept soll aber nicht von oben herab diktiert werden. Durch die Bündelung der Kräfte sollen die Wege für Eltern, Kinder aber auch Dienstleister kürzer und einfacher werden. Mögliche Lücken im Angebot sollen so geschlossen werden. Deswegen bin ich äußerst gespannt auf den Vorschlag der Arbeitsgruppe bestehend aus Fachleuten der drei Dienste, die ich mit der Erarbeitung beauftragt habe. Anfang des Jahres wird es eine Zwischenbilanz geben. Mitte 2017 folgt das fertige Konzept, damit der neue Dienst nach Möglichkeit 2018 mit neuen Rahmenbedingungen starten kann. Dieses soll auf den konkreten Bedarf der mentalen Versorgung für Kinder und Jugendliche in unserer Gemeinschaft eingehen. Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Im Rahmen der 6. Staatsreform werden der DG die Revalidationskonventionen übertragen. Dadurch haben wir die Möglichkeit, ein ganzheitliches Angebot für junge Patienten zu schaffen.

Gemeinsam mit der Frühhilfe und dem KITZ habe ich das SPZ beauftragt, ein integriertes soziopädagogisch-therapeutisches Konzept zu erarbeiten. Dieses soll auf den konkreten Bedarf der mentalen Versorgung für Kinder und Jugendliche in unserer Gemeinschaft eingehen.

Sie sehen also, wir sind für die Zukunft gerüstet und können auch dank der wertvollen Arbeit der Mitarbeiter des SPZ denjenigen helfen, die Unterstützung brauchen. „Der Wechsel ist das Los des Lebens, und es kommt ein anderer Tag“. Das wusste schon der deutsche Schriftsteller Theodor Fontane. Mit dieser Erkenntnis im Gepäck sollten wir uns gemeinsamen auf den Weg machen und ihn nicht als Bedrohung, sondern als Chance begreifen. Unsere Autonomie ist die Chance auf maßgeschneiderte Lösungen für Ostbelgien. Diese Chance sollten wir zum Wohle der Bevölkerung nutzen.

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

das 40-jährige Jubiläum möchte ich zum Anlass nehmen, um der gesamten Mannschaft des SPZ ein großes Kompliment auszusprechen. Im Namen der Regierung und stellvertretend für die Bevölkerung der Deutschsprachigen Gemeinschaft sage ich : Dankeschön für 40 Jahre ambulante, sozialpsychologische Beratungen und Therapien! Mögen sich noch viele Jahrzehnte an das bereits erreichte Lebensalter im Dienste der Bevölkerung reihen. Die Sprache verändert sich – manchmal auch Namen, aber die Seele bleibt.

Vielen Dank für ihre Aufmerksamkeit!

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