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„Position von Vivant ist lebensgefährlich“


In der Debatte um das Impfen hat Minister Antonios Antoniadis Vorwürfe gegen Vivant erhoben. In einem GrenzEcho-Interview sagte der Gesundheitsminister: „Die Gesundheitspositionen von Vivant sind lebensgefährlich.“ Anlass zu dieser Stellungnahme war eine Infoveranstaltung von Vivant, bei der zum Teil fragwürdige Referenten sich gegen das Impfen ausgesprochen hatten.

Beim Thema Impfen besteht auch Skepsis. Leisten die Befürworter zu wenig Überzeugungsarbeit?

Wir sind keine „Impf-Verkäufer“. Es ist unsere Aufgabe, korrekt über die Gefahren von verschiedenen Infektionskrankheiten zu informieren, die nur mit der Schutzimpfung zu hundert Prozent vermieden werden können. Außerdem stellen wir Informationen zu den möglichen Nebenwirkungen von Impfungen zur Verfügung, die, im Vergleich zu den Auswirkungen einer Infektion, eher harmlos sind. Ich bin aber schon der Meinung, dass wir offensiver vorgehen müssten. Deshalb startet die DG im Jahr 2016 eine Sensibilisierungskampagne. In dieser Angelegenheit möchte ich auch mit den Kinderärzten zusammenarbeiten. Sie haben das Fachwissen und sind Vertrauenspersonen für die Bevölkerung.

Die Polio-Impfung ist in Belgien verpflichtend. Sollte man die Impfpflicht ausweiten?

Polio gilt in Belgien dank der Impfpflicht als ausgerottet. Das ist ein Fakt. Bei den anderen Infektionskrankheiten können wir das nicht behaupten. Die DG übernimmt die Kosten für die Impfungen, die im Rahmen des optimalen Impfschemas empfohlen werden. Grundsätzlich sollten meiner Meinung nach korrekte Information und mündige Entscheidungen vor Verpflichtung stehen. Als Bürger trägt man in dieser Frage eine Verantwortung für sich selbst und seine Kinder. Diese Verantwortung will ich den Ostbelgiern nicht abnehmen. Aber man darf nicht vergessen, dass es auch Menschen gibt, die nicht geimpft werden können. Für die Gesundheit dieser Menschen ist man ebenfalls verantwortlich. Unsere Freiheit endet dort, wo die Freiheit des Anderen beginnt.

Wenn es bis auf Polio keine Impfpflicht gibt, müssen Tagesmütter auch nicht geimpft sein? Wie sieht es denn in den Kinderkrippen der DG aus?

Weder Tagesmütter noch die Betreuerinnen müssen geimpft sein. Die Tagesmütter und das Regionalzentrum für Kleinkindbetreuung (RZKB) sind verpflichtet, den Erziehungsberechtigten eine Impfung für die Kinder nahezulegen. In den Kinderkrippen gibt es keine von der Regierung vorgeschriebene Impfpflicht. Obwohl ich gegen eine allgemeine Impfpflicht bin, denke ich aber als zuständiger Gesundheits- und Familienminister zum Schutz der Kinder, die in größeren Gruppen betreut werden, darüber nach. Es gibt, wie bereits gesagt, Menschen, die aus gesundheitlichen Gründen nicht geimpft werden können oder Kleinkinder, die schon betreut werden, die aber noch nicht ausreichend geimpft wurden und deshalb noch keine Antikörper haben. Gerade diesen Kindern muss man in den Krippen Schutz vor Infektionen bieten. Dazu werde ich die Meinung von Kinderärzten und Kaleido einholen.

Was sagen Sie den Impfkritikern- oder Skeptikern wie den Vertretern von Vivant?

Wenn man so eine einseitige Veranstaltung organisiert, dann kann man nicht von Skeptikern sprechen. Die Position von Vivant ist nach dieser Veranstaltung als eindeutig impffeindlich einzuordnen. Hier spielen Argumente keine Rolle mehr, sondern der Glaube. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die Religion ablehnen. Gefährlich wird es aber schon, wenn eine Glaubensgemeinschaft die Freiheiten und das Leben anderer Menschen gefährdet. Und die Gesundheitspositionen von Vivant sind lebensgefährlich. Lange Zeit wurden diese Ansichten ignoriert, aber darauf muss die Politik, egal ob Mehrheit oder Opposition, reagieren. Wir tragen eine Verantwortung. Hier geht es nicht darum, ob alternative Währungen oder die Forderung nach Autonomie richtig oder falsch sind. Hier geht es um die Gesundheit der Menschen in Ostbelgien.

Das klingt ja fast so, als sei Vivant eine Sekte.

Jede Glaubensgemeinschaft hat, ähnlich wie Vivant, einen Wahrheitsanspruch. Immer wieder werden wir im Parlament daran erinnert, dass es die Aufgabe der Vivant-Fraktion ist, die Wahrheit ans Licht zu bringen. Schauen Sie sich die Referenten an, die zur Diskussion eingeladen wurden: Hans U.P. Tolzin wurde als bekannter Medizinjournalist vorgestellt. In Wirklichkeit ist er gelernter Milchwirt, der Aids und andere Viren im Allgemeinen für eine Erfindung der Pharmaindustrie hält. Er interessiert sich für die Neue Germanische Medizin, distanziert sich aber vom Entwickler dieser Pseudomedizin, einem gewissen Hamer, wegen der These, dass die klassische Medizin von Juden entwickelt wurde, um die Nicht-Juden auszurotten. Dass Hamer aber mehrfach in Haft saß, weil er 80 Menschenleben auf dem Gewissen hat, scheint nicht so problematisch. Diese ganzen fragwürdigen Behandlungsmethoden sind eine Mischung aus Naturheilkunde, Esoterik und sonst was. Wissenschaftlich fundiert sind sie aber nicht.

Vivant-Sprecher Michael Balter hat eine KiGGS-Studie erwähnt, die ihm zufolge von einer „unabhängigen Organisation“ näher untersucht wurde. Demnach leben ungeimpfte Kinder gesünder.

Ich habe mir diese Analyse näher angeschaut. Darin steht eine Menge Unsinn. Die Verfasserin dieser unwissenschaftlichen Analyse hat die Daten aus der Studie genommen, Diagramme erstellt und nach einem Zusammenhang gesucht. Sie kam zur Erkenntnis, dass geimpfte Kinder häufiger an Neurodermitis leiden sollen und eine Brille tragen. Ihre Ergebnisse bestätigen aber keinen kausalen Zusammenhang. Ihre Ergebnisse sind genauso wissenschaftlich wie die Behauptung, dass der Verzehr von Speiseeis für einen Sonnenbrand verantwortlich ist, nur weil im Sommer viel Eis gegessen wird und gleichzeitig viele Menschen einen Sonnenbrand erleiden. Auch darin erkennt man einen Zusammenhang, aber der Sonnenbrand kommt nicht vom Eis.

Warum organisiert man auf Parlamentsebene keine Debatte zwischen Befürwortern und Gegnern, wie Vivant das gefordert hat?

Diese Frage müssen Sie den Fraktionen stellen. Ich schreibe dem Parlament nicht vor, was zu tun ist. Trotzdem muss man überlegen, welches Ziel eine Debatte verfolgt. Ob Impfungen ungesund sind, müssen Mediziner und Forscher belegen. Es ist Fakt, dass Impfen Leben rettet und vor schlimmen Krankheiten wie Polio oder Masern schützt. Dazu gibt es viele Studien. Solange nicht das Gegenteil bewiesen wird, schüren Debatten dieser Art nur Ängste und erzeugen ein Gesundheitsrisiko. Fragen Sie jemanden, der an Kinderlähmung leidet und deshalb sehr früh schon zum Pflegefall geworden ist, was er von Impfungen hält. In 20 bis 30 Prozent der Fälle einer Maserninfektion erleiden die Menschen Hirnhaut- und Lungenentzündungen. Das kann man nicht als ungefährlich abtun.

Das Impfschema in der DG geht auf Empfehlungen der WHO und des Hohen Gesundheitsrates zurück. Sind Sie sicher, dass diese Empfehlungen in aller Unabhängigkeit getroffen werden?

Das hört sich so an, als wären die Impfgegner unabhängig. Es gibt in dieser Debatte keine neutralen Experten. Wenn man der WHO und dem Hohen Gesundheitsrat vorwirft, den Verkauf von Impfstoffen zu unterstützen, dann kann man der anderen Seite genauso gut vorwerfen, an Büchern, Seminaren und Vitaminpräparaten verdienen zu wollen. Wer glaubt, dass Impfkritiker unabhängig sind, der täuscht sich. Wir folgen genauso wie andere Teilstaaten und Staaten den Empfehlungen der WHO, weil diese sich auf wissenschaftlich korrekt durchgeführten Studien beziehen.

Wie sieht es mit dem Impfen in Ostbelgien aus? Wie hoch sind die Quoten?

Uns liegen momentan noch keine Informationen zu der Anzahl Kinder, die von den Kinderärzten geimpft werden. Wir rechnen Anfang 2016 mit den benötigten Daten. Allerdings werden die meisten Kinder durch Kaleido geimpft. Hier liegt die allgemeine Impfquote bei 72 Prozent. Die Quote für die Impfung gegen Gebärmutterhalskrebs liegt bei 45,5 Prozent. Das ist sehr wenig. Bei der zweiten 3-fach-Impfung gegen Masern, Mumps, Röteln liegen wir aber inzwischen bei 90,3 Prozent. Laut WHO gelten diese Krankheiten bei einer Impfdichte von 95 Prozent als ausgerottet. Hier können wir im Vergleich zum Vorjahr einen Erfolg verzeichnen. Damals lag die Impfrate bei 66,6 Prozent. Das liegt zum einen am Ausbruch der Masern in Berlin und zum anderen an der erhöhten Sensibilisierungsarbeit zu dieser Krankheit in der DG. Mit der Kampagne 2016 wollen wir diese Quote auf jeden Fall ausbauen.

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