Reden / Reden & Parlament

Gesundheit auf dem Prüfstand


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales, anlässlich der Vorstellung der Gesundheitsumfrage

16.11.2015

20151113 Gesundheitsumfrage (154.1 KiB)

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

zunächst einmal möchte ich mich ganz herzlich bei den beiden Mitarbeiterinnen des Wissenschaftlichen Instituts für Volksgesundheit für die Vorstellung der Gesundheitsumfrage bedanken. Bedanken möchte ich mich auch für Ihr Kommen, liebe Gäste.

Wie gesund ist der deutschsprachige Belgier? Wie ist es um sein Wohlbefinden bestellt?

Auf diese Fragen haben wir soeben eine Reihe an Zahlen und möglichen Antworten erhalten. Diese sind zum Teil negativ, zum Teil positiv.

Natürlich muss man sich ernsthaft mit der Frage auseinandersetzen, wie aussagekräftig eine Befragung von 306 Bürgern ist. Wurden wirklich alle gesellschaftlichen Schichten und Altersgruppen gleichermaßen einbezogen? Besteht ein Gleichgewicht zwischen den Bürgern der unterschiedlichen Gemeinden?

Ich denke die Antwort auf diese Frage ist eindeutig: Nein! Bei einer derart kleinen Stichprobe kann man die Ergebnisse nicht 1 zu 1 auf die Gesamtbevölkerung übertragen. Und dennoch darf man die Erkenntnisse der Studie keineswegs außer Acht lassen oder sie als eine statistische Anomalie abtun.

Denn anhand einiger Ergebnisse der Umfrage können wir gezielte und maßgeschneiderte Maßnahmen ergreifen, und so die Situation in bestimmten Bereichen vielleicht verbessern. Bei der Prävention besteht die Schwierigkeit, dass Effekte langfristig gemessen werden können und dass man mit Gewissheit sagen kann, welche Maßnahme zum Erfolg führen und welche nicht.

Seit einigen Wochen liegt uns nun der 195-seitige Abschlussbericht vor, der bereits im Ausschuss IV thematisiert wurde. An dieser Stelle werde ich natürlich nicht auf alle Punkte und gesammelten Daten eingehen – das haben Frau Charafeddine und Frau Gisle bereits ganz gut getan.

In einigen Punkten sieht die Regierung sich in ihrer gesundheitspolitischen Arbeit jedoch durchaus auf dem richtigen Weg. Und diese möchte ich ganz kurz aufgreifen.

Eines der Hauptprobleme, worüber unsere Bürger klagen, hat mit der Wohlstandskrankheit zu tun, die in westlichen Ländern vorherrscht: das Übergewicht. Mit Fettleibigkeit sind eine ganze Reihe anderer Erkrankungen und Beschwerden verbunden. Das Risiko von Schlaganfällen, von Herz-Kreislauf-Erkrankungen, von Diabetes oder auch von Krebserkrankungen nimmt zu.

Zum Thema Gesundheit sagte Mark Twain einst: „Die einzige Methode, gesund zu bleiben, besteht darin, zu essen, was man nicht mag, zu trinken, was man verabscheut, und zu tun, was man lieber nicht täte!“.

Diese Gesundheitsdefinition war dem amerikanischen Schriftsteller wohl nicht sehr ernst gemeint. In einem Punkt trifft seine Aussage jedoch uneingeschränkt zu: nur das Zusammenspiel zwischen Ernährung und Bewegung führt uns zu einer gesunden Lebensweise, die auch im Alter noch ein Leben von hoher Qualität ermöglicht. Dies haben wir erkannt und hier setzt die Regierung auch verstärkt an.

In erster Linie denke ich da an die diesjährige PEB-Kampagne, dem Programm für Ernährung und Bewegung. Vor einigen Monaten fand hier im Europasaal eine Veranstaltung zum Thema „Ernährung im Alter “ statt. Denn gerade bei den Seniorinnen und Senioren gehört die Mangelernährung zu den gängigsten und gefährlichsten Alterskrankheiten. Laut einer Studie aus dem Jahr 2013 weisen 45 Prozent aller Senioren ein erhöhtes Risiko auf, Opfer von falscher und unzureichender Ernährung zu werden. Und eine Mangelernährung ist ein Risikofaktor für chronische Krankheiten wie Demenz.

Mittlerweile unterstützt die DG zwei Projekte, die zu einem gesunden Lebensbewusstsein führen. Dabei handelt es sich um die Projekte des Katharinenstifts Astenet und des St. Nikolaus-Hospitals.

Und auch in den Schulen werden zahlreiche Maßnahmen zur gesunden Ernährung getroffen – mit Unterstützung der Regierung. Als Beispiel hierfür gilt die Aktion „Tutti Frutti“, die wir jährlich in den Schulen organisieren. Das Thema Übergewicht wird zudem von Kaleido u.a. durch die Ernährungsberatung abgedeckt. Hier denke ich an ein gesundes Pausenbrot, die Sensibilisierung der Eltern bei Übergewicht ihrer Kinder und mit Verweis auf Diätassistenten falls nötig.

Außerdem: In den nächsten Tagen wird das Schwerpunktthema 2016/2017 des Beirates für Gesundheitsförderung vorliegen. Nach meinen Informationen wird der Beirat die „Förderung eines gesundes Körpergewichtes“ behandeln, was ich ausdrücklich begrüßen würde. Diese Zielsetzung erfordert Maßnahmen in drei weiteren Themenschwerpunkten:

–        Bewegung

–        Ernährung und

–        Mentale Gesundheit

Durch diese Kombination aus Bewegung und Ernährung kann man aber nicht nur dem Übergewicht und der Fettleibigkeit begegnen, sondern sie stellen auch einen Mehrwert für die Vorbeugung vieler chronischer Krankheiten dar und können im allgemeinen zur Steigerung der Gesundheit und des Wohlbefindens beitragen.

Und auch im kommenden Jahr möchten wir bei der PEB-Kampagne genau da ansetzen: Dann soll die Fettleibigkeit bei Kindern von einkommensschwachen Familien im Vordergrund der Kampagne stehen. Denn die Ergebnisse der Gesundheitsumfrage bestätigen, dass das Risiko der Fettleibigkeit bei einkommensschwachen Menschen besonders hoch ist. (76 Prozent der Angehörigen sind fettleibig). Allgemein gilt, dass Menschen aus bildungsfernen Schichten überdurchschnittlich häufig an Krankheiten leiden. Dies gilt ganz besonders für Depressionen. Diese Zielgruppe der chancenärmeren Menschen ist nur schwer erreichbar. Sozialschwache Kinder, die nicht entsprechend im familiären Umfeld geprägt werden, können von verhältnispräventiven Maßnahmen z. B. in der Schule, erreicht werden oder über eine Zusammenarbeit mit den ÖSHZ und anderen Sozialdiensten

Ein weiterer Punkt, bei dem die DG sich deutlich vom Landesdurchschnitt abhebt, ist der Alkoholkonsum insbesondere bei jüngeren Menschen von 15-24 Jahren.

Jeder 4. dieser Alterskategorie gibt an, übermäßig viel Alkohol zu konsumieren. Insbesondere die Tendenz des sogenannten Binge-Drinking, des Rauschtrinkens, bei jungen Menschen ist besorgniserregend. Mehr als jeder Dritte gibt an, mindestens 6 Gläser Alkohol zu einem Anlass mindestens einmal pro Woche zu konsumieren.

Hier müssen wir die Sensibilisierungsarbeit deutlich intensivieren. Aber hier sind wir alle gefragt: Politiker wie Eltern, Lehrer wie Einrichtungen.

Im Bereich der Suchtprävention ist besonders die ASL in der DG tätig. Diese beabsichtigt sich im kommenden Jahr verstärkt dem Thema „Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen und Alkohol“ zu widmen. Die DG hat zur Suchtbekämpfung projektbezogene Mittel im Haushalt 2016 vorgesehen (26.000 EUR)

Der Anstieg psychischer Erkrankungen ist überall zu beobachten, nicht nur in der DG oder in Belgien. So richtig verwunderlich ist diese Entwicklung allerdings nicht. Zwar liegen wir deutlich unter dem belgischen Durchschnitt, aber der Trend setzt sich auch hier durch.

Immer mehr, immer schneller, immer besser und vor allem immer erreichbar. So ist der Alltag getaktet. So erleben ihn viele unter uns. Ein Leben auf der Überholspur.

Die Menschen geraten in ihrem beruflichen, aber auch privaten Alltag zunehmend unter Druck. Jeder Mensch geht anders damit um. Während die einen in diesen Stresssituationen förmlich aufblühen, empfinden andere sie als unzumutbar. Ess- und Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen oder das Abdriften in Abhängigkeit können die Folgen sein.

Viele der Krankheiten sind wie ein Teufelskreis miteinander verbunden. Diesen gilt es zu durchbrechen. Eine Möglichkeit ist eine effektive und effiziente Präventionsarbeit.

So wird in der DG bereits eine Vielzahl von Präventionskampagnen und –angeboten geschaffen. Sei es zur Vorbeugung diverser chronischer Krankheiten wie Diabetes, Depression oder Krebs sowie zur Vermeidung von Schlaganfällen. Vor allem der Patienten Rat&Treff ist in diesen Bereichen aktiv.

Kaleido übernimmt seinerseits im schulischen Rahmen vor allem frühkindliche Prävention. Durch die Schaffung des Dienstes ist es möglich, noch effizienter als bisher vorzugehen.

Die DG finanziert neben den Impfungen eine Reihe von Vorsorgeuntersuchungen wie beispielsweise für Brustkrebs.

Derzeit arbeitet die Regierung der Deutschsprachigen Gemeinschaft an einem ganzheitlichen Präventionskonzept, das im Februar 2016 vorgestellt werden soll. Das bisherige Konzept stammt aus 2003. Selbstverständlich werden wir die Ergebnisse der Umfrage in unsere Überlegungen einfließen lassen. Auch befinden wir uns im Gespräch mit den Verantwortlichen der Gesundheitsbefragung, um die Umfrage repräsentativer zu gestalten.

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

Sie sehen also, wir haben noch eine ganze Menge Arbeit vor uns. Ich möchte mich abschließend bei Ihnen bedanken, liebe Anwesende. Sie sind Gesundheitsdienstleister der Deutschsprachigen Gemeinschaft und somit wichtige und unverzichtbare Partner. Die Gesundheit ist des Menschen größtes Gut. Lassen Sie uns alle gemeinsam dafür Sorge tragen, dass wir dieses Gut auch in Zukunft sorgfältigen hegen und pflegen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

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