Reden / Reden & Parlament

Der Sonnenuntergang des Lebens


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales, anlässlich der Vorstellung der Demenzkampagne

27.10.2015

20151027 Rede Demenzkampagne (57.2 KiB)

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich möchte mich vielmals bei allen Mitgliedern der AG Demenz für die Einladung zu diesem Abend bedanken. Ich kann mich noch sehr gut an das letzte Jahr erinnern, als wir zum gleichen Anlass, der Vorstellung der Demenz-Kampagne im Haus der Eiche in Eupen, zusammengekommen sind.

Ein besonderer Dank gilt natürlich Frau Sonja Nolden, wegen deren Vortrag „Essen und Trinken bei Demenz“ wir heute hier sind. Die Regierung der DG hat das diesjährige Programm für Ernährung und Bewegung, kurz PEB, dem Thema Essen im Alter gewidmet. Laut Statistiken sind 12% der Senioren unterernährt und 45% weisen das Risiko der Mangelernährung auf. Damit ist Unterernährung die häufigste Alterskrankheit. Demenz erhöht dieses Risiko. Dass die AG Demenz dieses Thema in ihrer Kampagne aufgreift, zeigt, wie wichtig und aktuell die Thematik ist und wie akut die Probleme und Herausforderungen sind. Daher freue ich mich ganz besonders auf Ihr Referat, Frau Nolden, und bin sehr gespannt, welche Informationen und Hilfestellungen Sie heute für uns im Petto haben.

Meine Damen und Herren,

im November 1994 wandte sich der ehemalige Hollywoodschauspieler und Präsident der USA, Ronald Reagan, in einem Brief an die amerikanische Bevölkerung. Nach langwierigen Überlegungen hatten er und seine Frau Nancy beschlossen, den Schritt zu wagen und an die Öffentlichkeit zu treten: Bei dem Schauspieler und Politiker war kurz zuvor Alzheimer diagnostiziert worden.

Den wohl markantesten und bedeutendsten Satz dieses Briefes möchte ich Ihnen heute Abend gerne vorlesen:

„Ich beginne nun die Reise, die mich zum Sonnenuntergang meines Lebens führt.“

Auf diese Worte bin ich während der Vorbereitung zu meiner Rede gestoßen und sie haben mich nicht mehr losgelassen. Denn dieser eine Satz beinhaltet zwei bemerkenswerte Aussagen.

Noch immer lösen Begriffe wie Demenz bei dem einen oder anderen ein gewisses Unbehagen aus . Es wird gerne versucht, einen möglichst großen Bogen um das Thema zu machen. Dabei ist es so unglaublich wichtig, sich eingehend damit auseinanderzusetzen. Schließlich betrifft es immer mehr Menschen auf der Welt – direkt oder indirekt.

Dass das Thema ein Tabu ist, beweisen zahlreiche Gespräche, die ich mit Ostbelgiern geführt habe. Ich komme sogar gerade von solch einem Gespräch: Die Tochter, dass die Mutter Demenz hat, weiß aber nicht, wie sie sie zu einer Untersuchung bringen kann.

Ronald Reagan hat vor über 20 Jahren den Schritt gewagt und seine Erkrankung öffentlich gemacht. Er hat erkannt, dass Tabuisierung der falsche Weg ist. Er hat erkannt, dass er sich weder schämen noch verstecken muss. Er hat gelernt, mit der neuen, wenn gleich schwierigen, Lebenssituation umzugehen.

Der medizinische Fortschritt der vergangenen Jahrzehnte hat dazu geführt, dass eine Reihe schwerer Krankheiten wirksam bekämpft werden konnte. Der medizinische Fortschritt hat auch dazu geführt, dass die Menschen im Durchschnitt älter werden. Dies gehört sicherlich zu den bemerkenswertesten Errungenschaften unserer Zeit und diese möchten wir nicht mehr missen. Doch die Situation hat auch eine Kehrseite. Je älter wir werden, umso vermehrt treten auch altersbedingte Krankheiten wie Demenz auf. Besondere Herausforderungen sind damit verbunden – nicht nur für die Erkrankten.

Denn die Demenz verändert nicht nur ihr Leben und dessen Wahrnehmung, sondern auch das Leben derjenigen, die sie pflegen und begleiten. Die Demenzerkrankung ist ein schleichender Prozess, an dessen Ende nichts mehr ist, wie es einmal war. Doch es gibt immer wieder ganz besondere und erfrischende Momente – so entfernt sie oft scheinen, und so kurz sie mit zunehmendem Krankheitsverlauf auch sein mögen.

Nichtsdestotrotz ist dieser ständige Wandel eine große Belastung – für beide Seiten. Jeden Tag kann eine neue Situation entstehen, eine neue Aufgabe auftreten. Freunde und Angehörigen helfen, benötigen selbst aber auch Hilfe, Unterstützung und Freiräume.

Ich möchte diese Gelegenheit nutzen, um all jenen Freunden und Angehörigen meine Hochachtung auszusprechen. Es erfordert bereits eine Menge Energie, sein eigenes Leben zu regeln. Und Sie alle bringen zusätzlich die Kraft auf, um einem geliebten Mitmenschen zu helfen und zu unterstützen. Und ihm in den glücklichen aber vor allem in den traurigen und hoffnungslosen Momenten zur Seite zu stehen.

Meine Damen und Herren, es ist von Vorteil, auf ein umfassendes Angebot an Hilfe zurückgreifen zu können:

Da ist einerseits die Arbeit der AG Demenz. Die Demenzkampagne ist ein Impuls von unschätzbarem Wert. Sie rückt ein Thema in den Vordergrund, das noch viel zu häufig tabuisiert wird. Die Arbeitsgruppe sensibilisiert, sie klärt die Menschen über die Krankheit auf. Außerdem gibt sie bei Anlässen wie dem heutigen wichtige Ratschläge und Hilfestellungen, um die große Aufgabe der Betreuung ein wenig zu erleichtern.

Da ist zum andern der Patienten Rat und Treff, der sensibilisiert, berät und zur Seite steht, sei es in Form von Informationsveranstaltungen oder Selbsthilfegruppen für Angehörige und Betroffene.

Da ist zudem Eudomos, die als Beratungsstelle individuell Hilfestellung gibt und zusammen mit den diversen Diensten der häuslichen Hilfe ein angepasstes Angebot für ein möglichst selbstbestimmtes Leben im Alter zusammenstellt.

Da ist natürlich auch die Memory-Klinik, die mit ihrem spezialisierten Team die Patienten bei der Alltagsbewältigung im häuslichen Umfeld so gut es geht unterstützt.

Und da sind natürlich nicht zuletzt die Alten- und Pflegeheime, das betreute Wohnen und die Kurzzeitpflege, die bei der Betreuung der Bewohner jeden Tag eine unfassbare und bemerkenswerte Arbeit leisten.

Seit etwas mehr als einer Woche gibt es für Betroffene und deren Angehörige ein neues Angebot. In den Räumlichkeiten des Patchwork in St. Vith fand auf Initiative der Info Demenz Eifel das erste Demenz-Café in der DG statt. Und wie ich gehört habe, war die erste Ausgabe bereits ein Erfolg. Ich habe während meiner Sommertour „Soziales Engagement Ostbelgien“ bei Johanna Neuens und Isabelle Maystadt Halt gemacht und mit ihnen über dieses Projekt ausgetauscht. Und ich bin wirklich sehr froh, dass diese Initiative erfolgreich angelaufen ist.

Doch auch die Politik steht in der Pflicht. Die Regierung wird die AG auch weiterhin finanziell bei ihrer Arbeit unterstützen. Parallel dazu ist es eine unserer Prioritäten, die Lebensqualität all unserer Senioren, ob zuhause oder im Pflegeheim, in der Stadt oder auf dem Land, zu sichern und zu steigern. Das geht nur über Dienstleistungen der häuslichen Hilfe und der Alten- und Pflegeheime, die Menschen, die an Demenz erkranken und ihre Familien unterstützen. Bei der häuslichen Hilfe denke ich beispielsweise an die Familienhilfe, die SOS-Hilfe oder an Dienste, wie den JKS und die Stundenblume.

Es gibt bereits eine Reihe an Angeboten für Demenz-Erkrankte und ihre Angehörige. Was wir aber in der Zukunft brauchen, ist eine koordinierte Vorgehensweise, Art „Demenzstrategie“, um die Herausforderungen der Zeit bewältigen zu können.

Liebe Anwesende,

ich möchte zum Abschluss noch Mal auf Reagans „Reise zum Sonnenuntergang“ eingehen. Ich hatte ja von zwei bemerkenswerten Aussagen gesprochen. Die erste betraf die Offenheit, mit der Reagan von seiner Krankheit sprach. Die zweite betrifft die Worte, die er dafür gewählt hat. Reagan spricht von einer Reise. Nicht etwa von einer Reise in die Verzweiflung und die Angst. Nein. Reagan spricht von einer Reise in den Sonnenuntergang.

Ein Sonnenuntergang ist eines der schönsten Naturereignisse, das die Welt zu bieten hat. Und auch wenn ein Sonnenuntergang das Ende darstellt, so ist es ein Ende, das von schönen Momenten gezeichnet ist. Momente, die das Leben selbst in den dunklen Stunden erleuchten. Momente, die es zu genießen gilt.

 

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