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Armut ist…


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales, anlässlich der Ausstellung „Armut ist…“

20151017 Rede Tag Der Armut (143.5 KiB)

17.10.2015

Meine sehr geehrten Damen und Herren,

ich freue mich, Sie am internationalen Tag der Armut zur Eröffnung der Fotoausstellung Armut ist… begrüßen zu dürfen.

Bereits im letzten Jahr hat anlässlich dieses Tages ein Rundtischgespräch stattgefunden. Ich halte es für ein sehr wichtiges Zeichen, dass diese Tradition beibehalten wird.

Kürzlich stieß ich auf einen Presseartikel, in dem ein paar denkwürdige Zahlen genannt wurden. Fast 800 Millionen Menschen leben in extremer Armut, d.h., dass sie mit weniger als 1,8 Dollar pro Tag auskommen müssen. Vor 25 Jahren waren es noch 2 Milliarden Menschen. 5 von 6 Menschen leben in Entwicklungsländern.

Gestern war der Welternährungstag, vielleicht noch eine interessante Zahl für Sie: Auf der Erde leben mehr als 7 Milliarden Menschen. Einer von neun Menschen weltweit muss jeden Abend hungrig schlafen gehen.

Das sind erst einmal die nackten Zahlen.

Auch für die Deutschsprachige Gemeinschaft gibt es Zahlenmaterial, das sich auf den ersten Blick erst einmal ganz gut liest.

Die durchschnittliche Arbeitslosenquote in der DG liegt beispielsweise (7,89) deutlich unter dem nationalen Durchschnitt (10,94%). Und auch bei anderen Wohlstandsindikatoren schneiden die 9 Gemeinden der DG besser ab.

Dennoch: die DG ist keine Insel der Glückseligkeit. Auch bei uns gibt es Armut. Die Zahl der von Armut betroffenen Menschen nimmt sogar zu. In vielen Gesprächen, die ich seit meinem Amtsantritt geführt habe, wurden mir Lebensgeschichten von Menschen geschildert, die in der DG in Armut und sozialer Ausgrenzung leben.

Selbstverständlich ist die Armut bei uns eine andere als beispielsweise in strukturschwachen Ländern. Dort spricht man eher von einer effektiven Armut. Bei uns wird gerne von einer relativen Armut gesprochen. Was die Armut aber in beiden Fällen gemein hat: Sie wird von jedem Menschen anders gelebt und erlebt. Bei jedem Menschen äußert sie sich unterschiedlich. Es gibt ihn nicht, diesen einen Armen. Es gibt kein einziges Bild, kein einziges Klischee. Ein Armer ist mehr als der Mensch, der am Straßenrand sitzt und um Geld bettelt.

Die Armut hat viele Gesichter. Und gerade vor diesem Hintergrund finde ich den Titel und das Ziel dieser Fotoausstellung so zutreffend. Armut ist…Einsamkeit; Armut ist…Arbeitslosigkeit; Armut ist…Hilflosigkeit. Sie sehen, meine Damen und Herren, ich könnte diese Übung ins Unendliche führen. Ich würde wahrscheinlich ebenso viele Antwortmöglichkeiten erhalten, wie ich Personen befragen würde.

Natürlich muss man die Armut anhand von Zahlen erfassen. Wie viele Menschen beziehen Arbeitslosengeld oder gleichgestellte Sozialhilfe. Diese Daten geben eine Übersicht der demografischen und sozioökonomischen Indizien. Und sie können uns helfen, den Kontext der Armut besser zu verstehen.

Genauso wichtig ist jedoch zu verstehen, was die von Armut betroffenen Menschen erleben, was sie in diese schwere Lebenslage geführt hat und wie diese komplexen Lebensumstände von den Helfern und ihrem Umfeld wahrgenommen werden.

Nur so können wir die kalten Zahlen verstehen und uns ein möglichst realistisches Bild der Armut machen. Und genau diesen Ansatz verfolgt die Regierung gerade in Zusammenarbeit mit der Universität Mons.

Unser gemeinsames Ziel muss es sein, die Hilfsangebote den Bedürfnissen und Lebenssituationen der betroffenen Menschen anzupassen. Und in der DG gibt es bereits eine Vielzahl von Maßnahmen zur Armutsbekämpfung.

Ich denke da unter anderem an die Lebensmittelbanken des Roten Kreuzes, die Sozialtarife in der Kleinkindbetreuung, die sozialen Treffpunkte oder aber die Sprachkurse für Migranten. Außerdem besteht ein umfassendes Hilfsangebot professioneller und ehrenamtlicher Helfer. Wie wichtig dies für den sozialen Zusammenhalt ist, konnte ich während meiner Sommertour Soziales Engagement Ostbelgien n

Nur durch ein angepasstes, produktives und vernetztes Arbeiten der sozialen Dienstleister können wir auch die Wirksamkeit der Hilfsmaßnahmen verbessern. Nur so können wir die Armut und die soziale Ausgrenzung in der DG nachhaltig und effizient bekämpfen.

Veranstaltungen wie die heutige leisten einen ganz wichtigen Beitrag der Sensibilisierung. Damit zeigen wir, dass auch wir, die nicht unbedingt in Armut leben, uns Sorgen und Gedanken machen über das Schicksal vieler anderer, denen es bedeutend schlechter geht. Und wenn es eines Beweises unserer Hilfsbereitschaft und unserer Nächstenliebe bedarf, so verweise ich auf die Reaktion unserer Bevölkerung auf die Flüchtlingskrise.

Den Veranstaltern, dem Fotografen Herrn Hagemann und allen Teilnehmern der Ausstellung möchte ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen.

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