Reden / Reden & Parlament

„Niemand muss sich dafür rechtfertigen, wer oder wie er ist“


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales, anlässlich der Vernissage von „Keep calm it’s just me“

20151011 Rede Keep Calm (155.0 KiB)

11.10.2015

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich möchte Sie ganz herzlich zur Vernissage der Veranstaltung „Keep Calm it’s just me“ begrüßen. Dass heute viele von Ihnen den Weg hierhin finden würden, damit hatte ich gerechnet. Dass die Räumlichkeiten am Ende aber derart gefüllt sind, das ist dann doch schon überwältigend und ein sehr starkes, erfreuliches Signal.

Bei der Vorbereitung auf diese Rede, bin ich auf eine denkwürdige Aussage gestoßen. Sie stammt von einem 16-jährigen Schüler aus Deutschland. Im Unterricht haben die Schüler sich mit dem Thema Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung auseinandergesetzt. Ich möchte Ihnen die Aussage natürlich nicht vorenthalten.

„Für Jugendliche ist es komisch,wenn ein Junge auf einen Jungen steht. Manche ekeln sich davor. ›Schwuchtel‹ oder ›Lesbe‹ wird öfter mal als Schimpfwort verwendet. ›Du bist schwul‹ habe ich auch schon zu hören bekommen. Keine Ahnung, wieso. Ich stehe auf Mädchen. Ich mache keine dummen Späße bei anderen, ich will niemanden beleidigen. Und mir ist eigentlich ganz egal, ob jemand Mädchen oder Jungen liebt. Es wäre nur gut, mehr darüber zu lernen, wie lesbische und schwule Beziehungen sind und warum sich Homosexuelle manchmal anders verhalten. Es gibt ja Männer, die sich schminken, und Frauen, die sich kleiden wie Männer. So richtig Thema war das bei uns im Unterricht bisher nicht. Es ist schwer, in der Schule anders zu sein als die anderen.“

In erster Linie wird durch diese Aussage deutlich, dass Menschen aufgrund ihrer sexuellen Orientierung noch immer diskriminiert werden. Niemand sollte sich dafür rechtfertigen müssen, wie er ist oder wer er ist. Die sexuelle Orientierung darf, genau wie Herkunft oder Hautfarbe, auf keinen Fall Anlass zur Ungleichbehandlung sein.

Seine Sexualität sucht man sich nämlich nicht aus. Das ist keine Frage der bewussten Entscheidung. Aber wie man damit umgeht, ist sehr wohl eine.

Der Schüler spricht allerdings noch ein weiteres Phänomen an: Das Thema der sexuellen Orientierung wird noch viel zu sehr mit Samthandschuhen angefasst. Statt einen offenen Umgang mit der Thematik anzustreben, wird lieber eine Kultur des Schweigens und des vorsichtigen, politisch-korrekten Ignorierens aufgebaut.

Viele homosexuelle Menschen fühlen sich alleine und oftmals überfordert. Nicht jeder von ihnen verfügt über das nötige Selbstbewusstsein offen zu seiner sexuellen Orientierung zu stehen. Aus Angst vor sozialer Ausgrenzung und Diskriminierung. Einige von ihnen tragen jedoch auch das Problem mit sich, dass sie selbst nicht so akzeptieren, wie sie sind.

Und genau hier setzt die tolle und lobenswerte Aktion Keep calm, it´s just me an. Denn sie zeigt, dass niemand sich wegen seiner sexuellen Orientierung verstecken muss.

Es ist ok anders zu sein! Es ist gut anders zu sein!

Denn dass wir alle verschieden sind, ist unsere größte Gemeinsamkeit.

Doch all diese Bemühungen bleiben ein Etappenziel. Wie beinahe alles, was unseren oft schwerfälligen, manchmal sogar hochmütigen Umgang mit angeblichen Randgruppen kennzeichnet.

Wir sprechen in diesem Zusammenhang gerne immer von Toleranz. Aber „Tolerare heißt nur ‚erdulden’ oder ‚ertragen’“, mahnt uns der Aphoristiker Peter Hohl. Gehen wir also noch weiter, liebe Anwesende.

Tolerieren wir kein bequemes Innehalten mehr. Lasset uns endlich zu einem Miteinander finden, das von aufrichtigem Respekt und von wahrhaftiger Nächstenliebe geprägt ist!

Priester Krzystof Charamsa hat durch sein Coming Out den Weg vorgezeichnet. Er ist der erste im Vatikan tätige Priester, der sich zu seiner Homosexualität bekannt hat – allen möglichen Folgen für seinen Beruf zum Trotz. Dieser mutige Schritt verdient unsere Bewunderung und Anerkennung

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich erinnere mich noch sehr gut an die erste Begegnung mit Uwe, oder soll ich sagen an die ersten Begegnungen. Denn wie viele von Ihnen Uwe sicherlich kennengelernt haben, so ist er doch ein recht beharrlicher Zeitgenosse, der auch nichts dem Zufall überlässt. Als Uwe mir damals von seinem Projekt erzählte, von den Sorgen, die er mit sich trägt, habe ich mich sofort bereit erklärt, ihn dabei zu unterstützen.

Man sagt es ja immer wieder: Ein Bild sagt mehr als 1000 Worte. Hinter den Ausstellungsstücken verbergen sich ganz persönliche Geschichten, die dem Thema des „Anderssein“ in der DG einen Platz geben.  An dieser Stelle gilt natürlich mein ganz besonderer Dank Uwe Köberich, dem Fotografen Jannis Mattar aber vor allem all denjenigen, die den mutigen Schritt gewagt haben, sich zu ihrem Anderssein zu bekennen und somit ein starkes Zeichen für Solidarität und Toleranz und gegen Diskriminierung setzen.

„Ich bin schwul, und das ist auch gut so.“ Nein, heute ist nicht mein Coming-Out. Dieser Kultsatz stammt vom ehemaligen Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit. Und diese Aussage wurde im Sommer 2001, einige Monate vor den Wahlen, gemacht. Er hätte die Wahlen verlieren können – zumindest war ein Risiko da – und doch hat er ganz bewusst diesen Zeitpunkt ausgesucht.

Sein Coming-Out war ein Signal für Homosexuelle, dass die Zeit des Versteckens vorbei sein kann – wenn man sich dazu bekennt, anstatt sich zu verstecken. Mit seiner Aussage hat er gezeigt: Seine sexuelle Orientierung sagt nichts über seine Fähigkeiten aus. Er war jahrelang Bürgermeister und das erfolgreich, obschon er schwul ist. Das gilt übrigens für viele Politiker, genauso wie das für Lehrer, Polizisten, Ärzte, Handwerker, Anwälte, Angestellte im Supermarkt, in der Fritüre, für Priester und Seelsorger, für Väter und Mütter, für Sohne und Töchter gilt. Kurz gesagt: Sie alle können schwul sein und das ist auch gut so!

Genau das sagen auch die Menschen, die sich für die Ausstellung abbilden ließen. Sie alle meine Anerkennung und meinen Respekt, denn sie sind so mutig auch in einer kleinen Region über ihr Outing zu sprechen.

Danken möchte ich neben Uwe und seinem Team auch den Sponsoren und den ehrenamtlichen Helfern.

Euer Engagement ist gleichzeitig ein unmissverständliches Statement.

Ich wünsche Ihnen viel Vergnügen bei der heutigen Ausstellung und danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

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