Reden / Reden & Parlament

Gospel zum Auftakt der Fairen Woche


Rede von Antonios Antoniadis, Minister für Familie, Gesundheit und Soziales, anlässlich der Auftaktveranstaltung zur Fairen Woche

Eupen, 28.09.2015

20150928 Gospelkonzert Faire Woche (93.5 KiB)

Meine sehr verehrten Damen und Herren, liebe Gäste

Ich freue mich ganz besonders, Sie heute zum Auftakt der Fairen Woche begrüßen zu dürfen. Ich kann Ihnen versprechen, es wird heute richtig laut. Wir werden eine Veranstaltung der etwas anderen Art erleben. Doch zwischen Ihnen und dem klangvollen und emotionalen Gesang des Raerener Gospelchors „Joyful Spirit“ befindet sich noch ein Hindernis: die Politik. Ich gelobe, mich möglichst kurz zu fassen, da auch ich schon sehr auf den Gesang gespannt bin.

In den letzten Wochen und Monaten vergeht kein Tag, an dem in den Nachrichten nicht über die Flüchtlingskrise berichtet wird. Uns erreichen Bilder von überfüllten Zeltlagern, von ertrunkenen Menschen im Mittelmeer, von abertausend verzweifelten Syrern, Irakern und Flüchtlingen aus anderen Teilen der Welt. Diese Bilder, Nachrichten und Schicksale lassen uns nicht kalt.

Während die Geschehnisse bei einigen Wenigen eine eher unschöne Seite zum Vorschein bringen, zeigt sich der überwältigende Teil der Menschheit solidarisch und mitfühlend. Viele wollen helfen. Und gerade in Krisenzeiten sind Solidarität und Mitmenschlichkeit unverzichtbare Weggefährten.

Meine Damen und Herren,

nicht selten wird über den sozialen Zusammenhalt in unserem heutigem Zeitalter diskutiert. Oftmals ist dann die Rede von einer stark individualisierten Gesellschaft, wo ein jeder sich selbst am nächsten ist.

Doch wie stark und wie gefestigt eine Gesellschaft wirklich ist, zeigt sich daran, wie sie reagiert, wenn sie mit einer Krisensituation konfrontiert ist. Nehmen wir das als Maßstab, dann können wir sagen: die Deutschsprachige Gemeinschaft ist sehr stark!

Die Hilfs- und Spendenbereitschaft ist derart groß, dass die Lagerräume des Roten Kreuzes bis in den letzten Winkel gefüllt sind. Und noch immer erreichen mich Anrufe oder Emails von Bürgern und Bekannten mit der Frage: Was kann ich noch tun? Wie kann ich noch helfen?

Ich möchte nicht pathetisch klingen aber, so viel Hilfsbereitschaft habe ich nicht erwartet. Mir fehlen die Worte, um meinen Respekt und meine Bewunderung angemessen zum Ausdruck zu bringen!

Doch so vorbildlich der unermüdliche Einsatz unserer haupt- und ehrenamtlichen Bürger auch ist: Eine jede Krise hat ihre Gründe und ihre Ursachen. Und so müssen auch wir uns mit der Frage beschäftigen: Warum flieht ein Mensch? Was bringt eine Frau dazu, aus ihrem Heimatland zu fliehen und dabei ihren 9 Monate alten Sohn zurückzulassen? Warum nimmt ein Familienvater alleine eine lebensbedrohliche Odyssee auf sich, deren einziges Ziel die pure Ungewissheit ist?

Auf all diese Fragen gibt es oftmals keine einfache Antwort. Dieser Missstand ist auf mehrere Ursachen zurückzuführen. Sicherlich! Die derzeitige Flüchtlingskrise geht auf kriegerische Auseinandersetzungen zurück. Aber es gibt auch ökonomische Gründe, die Menschen zur Zuwanderung zwingen. Eine wesentliche Ursache für Armut ist jedoch das internationale Handelssystem mit den zahlreichen, eindimensional ausgerichteten Handelsabkommen.

Die Preise für Produkte werden auf den freien Weltmärkten aufgrund von Angebot und Nachfrage und leider auch aufgrund von Spekulationen gebildet. Die Produzenten sind somit oftmals nicht in der Lage, die Produktionskosten zu senken.

Dieser negativen Entwicklung möchte der faire Handel entgegenwirken.

Das Fair Trade-System gewährleistet durch faire Handelsbedingungen nicht nur die Deckung der Produktionskosten. Es hilft den Erzeugern vor Ort darüber hinaus, ihre Existenz zu sichern. Preise werden im Dialog mit den Produzenten erzielt. Und dabei werden soziale und ökologische Standards ebenso beachtet wie die besondere Lage strukturschwacher Regionen.

Der gerechte Handel ist keine Entwicklungshilfe, denn er gewährleistet eine Partnerschaft auf Augenhöhe und führt zu einer nachhaltigen Entwicklung. In diesem Zusammenhang spricht man daher zunehmend von Entwicklungszusammenarbeit. Und hier ist natürlich in erster Linie die Politik gefragt.

Seit Jahren unterstützt die Regierung die hiesigen Weltläden bei der Ausrichtung der fairen Woche. Die Vertreter der Weltläden werden in der Halbzeit des Konzertes ihre diesjährigen Aktionen vorstellen.

Der faire Handel wird in der DG immer sichtbarer. Und auch in Sachen Fair-Trade Town hat sich einiges getan. Die Stadt Eupen ist bereits offizielle Fair Trade Town, Sankt Vith hat bereits Schritte unternommen, und die Gemeinde Raeren wird heute über die Fortschritte berichten.

Diese Bemühungen der Gemeinden freuen mich ganz besonders, denn ich verspreche mir dadurch einen zusätzlichen Schub für den fairen Handel in unserer Gemeinschaft. Und wer weiß, vielleicht bekommt die DG irgendwann den Titel der Fair Trade Gemeinschaft.

Doch nicht nur Politik und Industrie sind gefragt. Auch wir als Bürger müssen begreifen, dass unser Lebensstil und unser Handeln einen großen Einfluss auf das Leben der Menschen in den sogenannten Krisenländern hat. Wir sind auf dieser Welt nicht alleine. Wir teilen sie mit anderen Menschen, mit anderen Kulturen. Wir alle tragen eine Verantwortung für die Welt, in der wir leben.

Erst wenn wir die Zusammenhänge richtig verstehen, können wir nachvollziehen, wieso es seit Jahren eine Zuwanderung gibt, auch aus Regionen, wo kein Krieg herrscht.

Wir leben in einer Wegwerfgesellschaft, in einer Gesellschaft im Überfluss. Als Konsumenten sind wir oft darauf aus, immer größere Mengen zu immer kleineren Preisen zu kaufen. Dabei verzichten wir kaum noch auf etwas.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Fleisch – früher eine Rarität an besonderen Tagen – essen wir heute oft mehrmals am Tag. Dabei achten wir kaum noch auf die Herkunft der Produkte. Und wir achten erst recht nicht darauf, ob die Produkte fair gehandelt wurden. Hier besteht meines Erachtens noch Nachholbedarf.

Denn, ich habe in den letzten Wochen und Monaten eine Sache ganz eindeutig verstanden:

Wir alle wünschen uns, dass es auch denen besser geht, denen es bedeutend schlechter geht als uns. Und wir alle sind auch bereit, etwas dafür zu tun. Diesbezüglich hat Mahatma Gandhi in weiser Voraussicht den Weg vorgegeben, als er sagte: „Wir selbst müssen der Wandel sein, den wir in der Welt zu sehen wünschen.“ Es liegt nun an einem jeden von uns, diesen Weg einzuschlagen.

Vielen Dank.

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