Reden / Reden & Parlament

„Jeder Patient ist in erster Linie ein Mensch“


St.Vith, 04.09.2015

20150828 Rede 25 Jahre Psychiatrie (59.1 KiB)

Sehr geehrte Damen und Herren,

25 Jahre Psychiatrie. So steht es auf der Einladung zur heutigen Veranstaltung, der ich natürlich sehr gerne nachgekommen bin.

25 Jahre – das ist schon eine recht lange Zeit. Meine beiden Vorrednerinnen haben uns eben geschildert, was sich seit der Gründung der psychiatrischen Abteilung Sankt Vith alles getan und verändert hat.

Doch nicht nur dort. Denn im letzten Vierteljahrhundert sind auch die Medizin und die Technologie mit Siebenmeilenstiefeln, unbeirrt und unaufhaltsam vorangeschritten:

– Krankheiten, die früher als unheilbar galten, können nun wirksam bekämpft werden;

– neue Therapie- und Betreuungsmöglichkeiten für Erkrankte werden in aller Regelmäßigkeit entwickelt;

All dies führt dazu, dass wir Menschen durchschnittlich länger leben.

Wer würde dies nicht als eine bemerkenswerte Errungenschaft betrachten? Wer von Ihnen kann ernsthaft behaupten, nicht möglichst lange und gesund leben zu wollen?

Natürlich hat diese positive Entwicklung auch eine Kehrseite. Denn je älter wir werden, umso häufiger treten auch altersbedingte, chronische Krankheiten wie Demenz auf. Die Altenheime berichten aber auch vermehrt über gerontopsychiatrische Fälle und Mehrfacherkrankungen. Das gilt natürlich auch für psychische Erkrankungen.

Dieses Phänomen wird nicht nur in Fachkreisen als demografischer Wandel in oftmals fatalistischem Ton heraufbeschworen. Ich persönlich sehe ihn – und das betone ich immer wieder nicht als Schreckgespenst, sondern als eine der zentralen Herausforderung für die kommenden Jahrzehnte. Aber er ist gleichzeitig auch eine einmalige Chance. Denn wenn es uns gelingt, frühzeitig die richtigen gesellschaftspolitischen Maßnahmen zu ergreifen, können wir die Weichen für eine erfolgreiche Zukunft stellen.

Mit den technologischen und medizinischen Rahmenbedingungen hat sich auch unsere Gesellschaft verändert. Sie ist heute eine ganz andere als noch vor 25 Jahren.

Immer mehr, immer schneller, immer besser und vor allem immer erreichbar. So ist der Alltag getaktet. So erleben ihn viele unter uns. Ein Leben auf der Überholspur.

Die Menschen geraten in ihrem beruflichen, aber auch privaten Alltag zunehmend unter Druck. Jeder Mensch geht anders damit um. Während die einen in diesen Stresssituationen förmlich aufblühen, empfinden andere sie als unzumutbar. Ess- und Schlafstörungen, psychosomatische Erkrankungen oder das Abdriften in Abhängigkeit können die Folgen sein.

Ist es angesichts dieser Entwicklungen verwunderlich, dass die Zahl der psychischen Erkrankungen in den letzten Jahren ständig ansteigt? Zudem ist nicht jeder Fall statistisch erfasst. Denn der Schritt hin zu einer psychiatrischen Klinik ist kein leichter. Da fällt es einem schon leichter, bei Bekannten, Arbeitskollegen oder Vorgesetzten eine Lungenentzündung als Abwesenheitsgrund anzugeben statt eine Depression einzuräumen. Die Angst vor Stigmatisierung und Ausgrenzung ist allgegenwärtig, die Befürchtung, als schwach gesehen zu werden, wenn man psychologische Hilfe in Anspruch nimmt, groß. Dabei ist genau das Gegenteil der Fall. Sich selbst einzugestehen, dass man Hilfe braucht, ist ein Zeichen von Überwindung und großem Mut.

Doch gerade beim öffentlichen Umgang mit und der Akzeptanz psychisch Erkrankter hat sich vieles zum Positiven entwickelt. Zwar kommt es bisweilen vor, dass Menschen mit psychischen Schwierigkeiten und Erkrankungen noch immer als „Irre“, oder „Verrückte“ abgestempelt werden. Langsam setzt sich jedoch die allgemeine Erkenntnis durch, dass eine psychische Erkrankung kein dunkler Fleck ist, der sich nicht mehr wegwischen lässt.

Und hier sehe ich trotz der eindeutigen Verbesserungen durchaus Handlungsbedarf. Ich erachte es als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die Akzeptanz und den Umgang mit psychisch Erkrankten in unserem Umfeld zu optimieren. Statt die Symptome zu bekämpften sollten wir zur Wurzel des Problems vordringen und den Fokus mehr auf die Prävention lenken. Hierzu müssen wir uns einige Fragen stellen:

Wann ist ein Mensch psychisch krank? Wie lange darf man nach dem Verlust eines Angehörigen trauern, ab wann ist es „krankhaft“? Warum gibt es in unseren Reihen immer mehr Menschen, die nicht mehr können, die traurig sind, süchtig, psychotisch, die sich selbst zerstören, die ausgegrenzt werden von uns?

Das führt mich wieder ein wenig zurück auf das, was ich eingangs von dem Leben auf der Überholspur gesagt habe. Möglicherweise wäre eine Entschleunigung das richtige Rezept. Aber leider habe ich auf all diese Fragen keine Antwort. Ich bin allerdings auch kein Experte auf dem Gebiet. Sie alle können bestimmt viel mehr dazu sagen und haben bestimmt auch wissenschaftlich fundierte Antworten parat.

Meine Damen und Herren,

jeder Patient ist in erster Linie ein Mensch mit Gefühlen, Ängsten und Träumen. Und genau das haben die Verantwortlichen der psychiatrischen Einrichtungen in der Deutschsprachigen Gemeinschaft verinnerlicht. Diesen Ansatz verfolgen sie in ihrer alltäglichen Arbeit. Sie betrachten den Menschen als Ganzes, schenken ihm Aufmerksamkeit, Fürsorge und Verständnis. Sie versuchen den Patienten an der Hand zu führen raus der Sackgasse, in die er hineingeraten ist. Weg von dem Gefühl der Entmündigung, Demütigung und Auslieferung hin zu einem stärkeren Gefühl der Selbstbestimmung und der Freiheit.

Betreuung und Begleitung sind auf die individuellen Bedürfnisse zugeschnitten. So gibt es neben der medikamentösen Therapie und den Gesprächen mit Psychologen und Psychiatern eine ganze Palette an Aktivitäten wie schwimmen und zeichnen, wandern und kochen.

Die psychiatrischen Einrichtungen der DG sind bestrebt, die hochwertige Qualität der Betreuung und Behandlung auch weiterhin zu gewährleisten oder gar zu optimieren. Natürlich ist hier auch die Politik gefordert.

Mit der 6. Staatsreform wird die DG nicht nur für die Prävention zuständig, sondern zum Teil auch für die mentale Gesundheit

Zu diesem Zweck wird die Regierung eine Bestandsaufnahme der verschiedenen Angebote und Dienstleister im psychiatrischen Bereich durchführen. Das gleiche sehen wir übrigens auch derzeit bei der Gesundheitsplanung vor. Auf diese Weise können die jeweiligen Hilfs- und Behandlungsmöglichkeiten ganz im Sinne der Patienten noch effizienter gestaltet werden. Trotz oder gerade wegen der Kleinheit unserer DG müssen wir unseren Bürgern auch in Zukunft ein möglichst umfassendes Angebot an medizinischer Hilfe bieten. Im Idealzustand verstehen wir die verschiedenen Dienstleister als Teil eines großen Pflegenetzes mit vor- und nachgeschalteten Strukturen. Diese Analyse soll selbstverständlich in Kooperation mit den Dienstleistern erfolgen.

Liebe Anwesende, an dieser Stelle möchte ich aber vor allen Dingen Danke sagen:

– Den Ärzten und Mitarbeitern der psychiatrischen Abteilung Sankt Vith;

– den Mitarbeitern der Psychiatrischen Tagesklinik für Erwachsene in Sankt Vith und Eupen;

– den Mitarbeitern der psychiatrischen Tagesklinik für Jugendliche in Eupen

– dem Mobilen Team zur Begleitung von Kindern und Jugendlichen

– den Krankenpflegern, den Kunst-, Ergo- und Physiotherapeuten und allen, die in irgendeiner Weise mithelfen und mitarbeiten.

Danke für die wertvolle Arbeit, die sie mit sehr viel Professionalität und Herzblut, Tag für Tag, seit 25 Jahren leisten. Es ist gut zu wissen, dass die Deutschsprachige Gemeinschaft auch in den kommenden 25 Jahren und hoffentlich weit darüber hinaus auf Sie alle zählen kann.

Und nun möchte ich Ihre Aufmerksamkeit nicht weiter strapazieren, denn Sie haben noch einen sehr anstrengenden aber äußerst spannenden Tag vor sich.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Erfolg. Ich bin sicher, sie werden interessante, erkenntnisreiche und konstruktive Stunden verbringen.

Frohes Schaffen und vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

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